Suche
Suche Menü

Ist das Ich-Verbot noch zeitgemäß?

No entry hand icon

Das Ich-Verbot schreibt einen Verzicht auf die Ich-Form in wissenschaftlichen Texten vor. Doch warum soll auf das „Ich“ eigentlich verzichtet werden? Was sagt die herrschende Lehrmeinung zu dieser Vorgabe? Wer hat das Ich-Verbot formuliert? Gibt es empirische Studien zu der Verbreitung der Ich-Form? Ist das Ich-Verbot überhaupt noch zeitgemäß? Wir liefern Antworten.

Begründung des Ich-Verbots

Wissenschaftliche Texte sollen sachlich und objektiv sein. Daher habe das Individuum in den Hintergrund zu treten. Weinrich (1989, S. 132f.) bezeichnet diese Forderung als „Ich-Verbot“. Informationen sollen neutral und ohne Bezug zu Sender und Empfänger übermittelt werden. Die Unabhängigkeit vom Verfasser und die Fokussierung auf den Forschungsgegenstand lassen Kretzenbacher (1995, S. 32) von einem „Ich-Tabu“ sprechen. All dies kumuliert in der Forderung: Ein Wissenschaftler sagt nicht „ich“. Wie linguistische Studien zeigen, hat sich die strikte Vermeidung des Ichs in der Praxis gleichwohl nicht durchgesetzt (vgl. Steinhoff 2007, S. 2ff.). Die Intensität der Verwendung der Ich-Form ist abhängig von der Art des Textes, dem kulturellen Umfeld und der Wissenschaftsdisziplin. Steinhoff kommt in seiner Untersuchung deutschsprachiger wissenschaftlicher Zeitschriftenaufsätze der Fächer Linguistik, Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft zu dem Ergebnis, dass die erste Person Singular durchschnittlich 3,4 Mal pro Text eingesetzt wird. In lediglich 40 % der Texte kommt „ich“ gar nicht vor (vgl. ebd., S. 8).

Dürfen Studierende in Ihren Texten die Ich-Form benutzen?

Vielen Studierenden stellt sich die Frage, ob sie in ihren Haus-, Seminar- oder Abschlussarbeiten die erste Person Singular verwenden dürfen. Der folgende Forumsbeitrag eines Studierenden belegt die Unsicherheit:

„Ihr Lieben,
ich schreibe gerade an meiner Magisterarbeit in Philosophie und mir stellt sich immer wieder die Frage, ob ein „Ich“ in der Arbeit wirklich so dringend zu vermeiden ist, wie man es, wenn ich mich recht erinnere, am Anfang des Studiums gelernt hat. Ich meine, selbst wenn es so wäre, erschließt sich mir der Sinn einfach nicht. Natürlich geht es nicht darum, meine Meinung als Argument zu verkaufen oder so, sondern einfach um Sätze wie „aus den genannten Gründen werde ich diesen Ansatz in meiner Arbeit nicht weiter verfolgen“ statt zum zehnten Mal „…soll in dieser Arbeit nicht weiter verfolgt werden“. Gut, vielleicht kein perfektes Beispiel, gab aber Situationen, in denen die Formulierung mit „ich“ wesentlich runder klang als alle Alternativen. (Darüber hinaus habe ich eine Magisterarbeit gelesen, die mein Professor korrigiert hat, in der immer wieder „ich“ vorkam, was nie angestrichen worden ist (und sich auch nicht negativ in der Note niedergeschlagen haben kann…)) Deswegen meine Frage: Wie ist denn der neuste Stand dazu? Oder bin ich sowieso fehlinformiert mit meiner Ansicht, dass man die 1. Person Singular in wissenschaftlichen Arbeiten eher vemeidet?“(http://www.uni-protokolle.de).

Was unter prüfungsrelevanten Aspekten erlaubt ist und was nicht, regelt die jeweilige Studien- und Prüfungsordnung. In der Regel sind dort aber solche Details nicht aufgeführt. Daher entscheidet der Prüfer, ob die Ich-Form toleriert wird. Viele Professoren stellen Leitfäden zum wissenschaftlichen Arbeiten zur Verfügung, die Antwort auf diese Frage liefern. Möglichkeiten die erste Person Singular zu vermeiden, habe ich im Band 8 unserer E-Book Reihe zum wissenschaftlichen Arbeiten dargestellt (vgl. Manschwetus 2016, Kap. 4.1).

Die vorherrschende Lehrmeinung zum Ich-Verbot

Eine vorherrschende Lehrmeinung zur Verwendung der ersten Person Singular kann ich nicht erkennen. Vielmehr handelt es sich um eine kontrovers diskutierte Frage, auf die in der Literatur zum wissenschaftlichen Arbeiten unterschiedliche Antworten gegeben werden. So formulieren Balzert / Schröder / Schäfer:

„Vermeiden Sie Ich-Sätze und nutzen Sie stattdessen neutrale, unpersönliche Formulierungen sowie Passivkonstruktionen“ (Balzert et al. 2011, S. 240).

Norbert Franck vertritt dagegen eine andere Auffassung:

„Ich meine: Wer in einer Haus- oder Diplomarbeit Fragen formuliert oder Schwerpunkte setzt, meint feststellt oder schlussfolgert, sollte ich schreiben [ … ]“ (Franck 2011, S. 137).

Das gleiche heterogene Bild zeigt sich bei den Leitfäden und Richtlinien zum wissenschaftlichen Arbeiten. So wird den Studierenden der Betriebswirtschaft an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden klipp und klar gesagt:

„Ein Ich-Stil ist in einer wissenschaftlichen Arbeit unbedingt zu vermeiden. Stattdessen kann z.B. auf den Autor, die Autorin verwiesen oder das Passiv zur Darstellung des Sachverhalts verwendet werden“ (Ostbayrische Technische Hochschule Amberg-Weiden 2014, S. 15).

Dagegen dürfen Studierende der anglistischen Literaturwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf in ihren Hausarbeiten durchaus die Ich-Form verwenden:

„Ich-Form muss nicht systematisch vermieden werden, [ … ].  Eigene Thesen, z. B. in der Einleitung oder der Conclusion, können in der Ich-Form angeführt werden“ (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf 2013, S. 3).

Abschied vom strengen Ich-Verbot

Ist das strenge Ich-Verbot noch zeitgemäß? Die Frage ist berechtigt, denn in wissenschaftlichen Texten wird zunehmend die Ich-Form benutzt (vgl. Auer und Baßler 2007, S. 18). Insbesondere Autoren aus dem angelsächsischen Sprachraum nehmen hierbei eine Vorreiterrolle ein. Mir erscheint diese Entwicklung logisch zu sein, denn die eingangs referierte Begründung für ein Ich-Verbot fußt meines Erachtens auf einem ziemlich wackeligen Fundament. Die Idee, ein Produzent wissenschaftlicher Texte könnte eine neutrale Position einnehmen und als Sprachrohr objektiver Erkenntnisse fungieren, die nichts mit seiner Person zu tun haben, ist grob vereinfachend und vernachlässigt die Rolle des Schreibers. Jeder Produzent eines wissenschaftlichen Textes trifft Entscheidungen, wählt aus, grenzt ein, strukturiert, vernachlässigt oder hebt bestimmte Sachverhalte besonders hervor. All dies geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern ist das Ergebnis eines kommunikativen Prozesses, der wiederum durch die soziale Umgebung geprägt ist (vgl. ebd., S. 22). Ein „Ich-Verbot“ führt daher nicht zu mehr Wissenschaftlichkeit, sondern verschleiert eher die Rolle des Schreibenden. Ich schließe mich den Ausführungen von Krämer an, der für eine Verwendung der ersten Person Singular in Wissenschaftstexten plädiert:

„Der Wissenschaftler als erleuchtete Prophet, der nur weitergibt und nicht selber schafft. So funktioniert die Wissenschaft im Allgemeinen aber nicht. Sie wird nicht passiv erduldet, sondern aktiv gemacht. Der Schöpfer Ihrer Arbeit sind Sie selbst und nicht der Heilige Geist. Warum dieser Eiertanz? Entgegen einem verbreiteten Vorurteil ist das Wort »ich« auch in der Wissenschaft durchaus erlaubt“ (Krämer 2009, S. 113).

Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Die Überschrift ist ein Buchtitel des Philosophen David Precht und passt ganz gut in den hier diskutierten Kontext, denn es lassen sich nach Steinhoff (2007, S. 11) drei Ich-Formen identifizieren:

  • Das deskriptive Verfasser-Ich
  • Das argumentative Forscher-Ich
  • Das narrative Erzähler-Ich.

Das Verfasser-Ich wird eingesetzt, um Texte zu kommentieren. Der Verfasser beschreibt, wie er die Textstruktur aufgebaut hat. Beispiel:

„Im folgenden möchte ich nun das sozial genormte, komplexe Handlungsmuster der Textsorte »Kontaktanzeige« in seiner typischen Verbindung von kommunikativ-funktionalen, kontextuellen (situativen) und strukturellen (grammatischen und thematischen) Merkmalen genauer bestimmen“ (ebd., S. 13).

Das Forscher-Ich argumentiert inhaltlich. Im Mittelpunkt stehen kritische Reflexionen, Erklärungen und Definitionen. Beispiel:

„Ich bezeichne diese Temporalität der poetischen Welt als »reine Temporalität«, als »reine Zeit«“ (ebd., S. 17).

Gegen die Verwendung des Verfassers- und des Forscher-Ichs ist nichts einzuwenden. Vorsichtig und sehr zurückhaltend sollte man bei der Verwendung des Erzähler-Ichs sein. Ich möchte nicht ausschließen, dass es Anwendungsfälle geben kann, in denen narrative Elemente in einem wissenschaftlichen Text sinnvoll sind. Im Regelfall ist jedoch ein erzählerischer Stil unangemessen, da er unwissenschaftlich wirkt. Beispiel:

„Ursprünglich hatte ich geplant, eine Arbeit über den »Spracherwerb« zu schreiben. Als ich dann aber Sprache definiert hatte, stellte sich heraus, daß Spracherwerb, nach dieser Definition, ja »nur« der Erwerb der Fähigkeit ist, Bewußtseinsinhalte geformten Lauten zuzuordnen und diese zu äußern, während ich zunächst gedacht hatte, die Fähigkeit Bewußtseinsinhalte zu bilden sei Teil der Sprachfähigkeit“ (ebd., S. 22).

Erlaubte Verwendungsformen des Ichs

Eine Selbstreferenz ist in wissenschaftlichen Texten unumgänglich. Die Ersetzung des Ichs durch anonyme Formen oder grammatikalische Umstellungen machen einen Text nicht wissenschaftlicher. Dies bedeutet aber im Umkehrschluss nicht, dass ein Text umso besser wird, je mehr Ichs eingebaut werden. Das Ich sollte da verwendet werden, wo es sinnvoll ist. Im Zweifelsfall eher weniger als mehr. In seiner Dissertation über Intertextualität in linguistischen Fachaufsätzen des Englischen und Deutschen hat Griffig (2005, S. 161ff.) einige typische Anwendungsfälle identifiziert, in denen die Ich-Form eingesetzt wird:

  • Einleitung in einen Text

    In this paper, I examine data regarding the Japanese surrender in 1945 … , and argue that the language of textbooks constitutes an ideologically motivated naturalized discourse…”

  • Einführung in einen Abschnitt

    Im Folgenden werde ich zu zeigen versuchen, dass die Mischklassifikation der Wortarten…“

  • Präzisierung von Begriffen

    “While Bernstein (1996) uses the concepts of classification and framing to analyze how symbolic control is regulated through pedagogic discourse, I shall use the term interpretative frame more flexibly…”

  • Erläuterung der eigenen Argumentation und Vorgehensweise

    Ich gehe davon aus, daß eine Interpretation … über Implikaturen nach dem Relevanzprinzip, wie es in Sperber/Wilson (1986) dargestellt ist, abgeleitet wird.“

  • Rückblickende Zusammenfassung

    In this paper I have argued for a situated approach to the analysis of speech reporting…”

  • Danksagung

    Mein besonderer Dank gilt Frau Andrea Ambrus…“

Fazit

Das Ich-Verbot scheint mir nicht mehr zeitgemäß zu sein. „Ein Wissenschaftler sagt nicht ich“ entspringt einer Denkhaltung, die die Rolle des Wissenschaftlers verleugnet. Linguistische Studien zeigen, dass Wissenschaftler in ihren Texten sehr wohl die erste Person Singular verwenden. Studierende sollten aber vorab klären, ob sie die Ich-Form verwenden dürfen, denn die Lehrmeinung ist gespalten. Während einige Professoren die Ich-Form erlauben (z. B. Marco Althaus), beurteilen andere die Benutzung des Personalpronomens „ich“ nach wie vor als unwissenschaftlich.

 

Literaturverzeichnis

Auer, Peter; Baßler, Harald (2007): Der Stil der Wissenschaft. In: Peter Auer und Harald Baßler (Hg.): Reden und Schreiben in der Wissenschaft. Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 9–29.

Balzert, Helmut; Schröder, Marion; Schäfer, Christian (2011): Wissenschaftliches Arbeiten. Ethik, Inhalt & Form wiss. Arbeiten, Handwerkszeug, Quellen, Projektmanagement, Präsentation. 2. Aufl. Herdecke, Witten: W3L-Verlag.

Franck, Norbert (2011): Lust statt Last: Wissenschaftliche Texte schreiben. In: Norbert Franck und Joachim Stary (Hg.): Die Technik wissenschaftlichen Arbeitens. 16. Aufl. Paderborn: Schöningh, S. 117–178.

Griffig, Thomas (2005): Intertextualität in linguistischen Fachaufsätzen des Englischen und Deutschen. Dissertation, RWTH Aachen Universität. URL: http://publications.rwth-aachen.de/record/51881/files/Griffig_Thomas.pdf.

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (2013): Die wissenschaftliche Hausarbeit in englischer Sprache in der anglistischen Literaturwissenschaft. Ein kurzer Leitfaden der Abteilung Anglistik IV der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. URL: http://www.anglistik.hhu.de/fileadmin/redaktion/Fakultaeten/Philosophische_Fakultaet/Anglistik_und_Amerikanistik/Modern_English_Literature/Dateien/Leitfaden_Anglistik_02-2013.pdf, Stand: 28.12.2015.

Krämer, Walter (2009): Wie schreibe ich eine Seminar- oder Examensarbeit? 3. Aufl. Frankfurt am Main et al.: Campus.

Kretzenbacher, Heinz Leonhard (1995): Wie durchsichtig ist die Sprache der Wissenschaften? In: Heinz Leonhard Kretzenbacher (Hg.): Linguistik der Wissenschaftssprache (Forschungsbericht / Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 10). Berlin: de Gruyter, S. 15–39.

Manschwetus, Uwe (2016): Texte wissenschaftlich formulieren (E-Book). Leicht verständliche Anleitung für das Schreiben wissenschaftlicher Texte im Studium mit Tipps und Beispielen (Kleine Online-Bibliothek des wissenschaftlichen Arbeitens, 8). Lüneburg: Thurm Wissenschaftsverlag.

Ostbayrische Technische Hochschule Amberg-Weiden (2014): Richtlinien zur Erstellung einer Abschlussarbeit an der Fakultät Betriebswirtschaft. URL: http://www.anglistik.hhu.de/fileadmin/redaktion/Fakultaeten/Philosophische_Fakultaet/Anglistik_und_Amerikanistik/Modern_English_Literature/Dateien/Leitfaden_Anglistik_02-2013.pdf, Stand: 28.12.2015.

Steinhoff, Torsten (2007): Zum ich-Gebrauch in Wissenschaftstexten. In: Zeitschrift für Germanistische Linguistik 35 (1-2), S. 1–26. DOI: 10.1515/ZGL.2007.002.

Weinrich, Harald (1989): Formen der Wissenschaftssprache. In: Jahrbuch 1988 der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, S. S. 119–158.

Bild: fotolia

Autor:

Prof. Dr. Uwe Manschwetus hat seit 1997 eine Professur für Marketing-Management an der Hochschule Harz. Wissenschaftliches Arbeiten und Digitales Marketing sind zwei Schwerpunkte seiner Arbeit.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.