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Lerntypen – Echte Hilfe oder nur Theorie?

„Dieses Semester wird alles anders“ – jeder Student hat sich dieses Versprechen wohl schon einmal gegeben. Immer nach dem Stress der letzten Prüfungsphase nimmst Du Dir fest vor, das Lernen im nächsten Semester anders anzugehen. Doch irgendwie ist das Umsetzen dann doch schwerer als gedacht. Es gibt viele Ansätze, um zum Beispiel der „Aufschieberitis“ entgegenzuwirken oder seinen Tagesablauf besser zu strukturieren. Aber manchmal ist das eigentliche Problem, dass das, was man zu lernen versucht, einfach nicht in den Kopf will.

Lernpsychologie

Natürlich bietet die Wissenschaft auch für dieses Problem mehrere Ansätze, um das Lernen für Menschen zu vereinfachen. Die Lernpsychologie befasst sich mit psychologischen Vorgängen um das Lernen und Prozesse, die darauf Einfluss nehmen. Es geht um Fragen von der Informationsaufnahme, über die Verarbeitung bis zur Speicherung. Die Ergebnisse sind dann Lerntheorien, die den Lehrenden und Lernenden helfen sollen, sich Wissen besser einzuprägen bzw. zu vermitteln. Seit Jahren wird bekräftigt, dass ein „Lernen mit allen Sinnen“ eine effektivere Wirkung erzielen solle, als stures Pauken. Auch solle jeder besser Lernen, wenn er über den von ihm bevorzugten Sinneskanal angesprochen wird. Wie bedeutet das konkret?

Die Lerntypen nach Vester

Die Lerntypentheorie wurde vor allem durch Frederic Vester geprägt[1]. Er beschreibt vier verschiedene Lerntypen, die den besten Lernerfolg erzielen sollen, wenn sie nach ihren Präferenzen lernen:

  1. Auditiver Lerntyp (Lernen durch „Hören und Sprechen“)
  2. Visuelle Lerntyp (Lernen durch „das Auge und Beobachtungen“)
  3. Haptische Lerntyp (Lernen durch „Anfassen und Fühlen“)
  4. Kognitive Lerntyp (Lernen durch „den Intellekt“)

Obwohl diese Aufstellung auf den ersten Blick Sinn zu machen scheint, gibt es mittlerweile durchaus berechtigte Kritik an Vester’s Modell der Lerntypen. Vor allem wird der logische Aufbau der vier Lerntypen trotz der Popularität des Ansatzes viel diskutiert und kritisiert. Die Lerntypen 1-3 basieren auf einer Informationsaufnahme lediglich über die Sinnesorgane. Das heißt, jegliche Form von Lerninhalten, von Fakten über mathematische Formeln, würden rein durch das Sinnesorgan aufgenommen und im Gedächtnis bleiben. Aber wie soll das ohne kognitive Arbeit möglich sein? Auch aus dem Grund der Informationsaufnahme, sei der kognitive Lerntyp mehr oder minder eine Folge der Lerntypen 1-3, da zwar eine Informationsaufnahme durch die beschriebenen Typen stattfinden kann, aber jegliche Verarbeitung von Informationen benötigt kognitive Arbeit. Denn ohne die Weiterverarbeitung von Informationen, sei das Lernen nicht gegeben und kein Erfolg sichtbar. Ein weiteres Argument der Kritiker ist, dass es keinen empirischen Beleg für die Steigerung der Lerneffizienz durch die Berücksichtigung des eigenen Lerntyps gibt.

Lernen mit allen Sinnen

Ähnlich wie die Lerntypen nach Vester sind die Theorie um das „Lernen mit allen Sinnen“ und das „ganzheitliches Lernen“ sehr populär. Demnach würde sich Wissen besser und leichter einprägen, wenn die Information über mehrere Sinneskanäle bei dem Lernenden ankommt. Daher wird Kindern versucht Wissen „spielerisch zu vermitteln“. Kritiker wie Maike Looß schreiben dazu: „Als Beispiel für ein Lernen mit allen Sinnen wird [ … ] unter anderem angeführt, dass die Kinder barfuß über am Boden liegende Buchstabenformen laufen sollen und so über die Haut, das Gleichgewicht sowie die Muskel- und Gelenkrezeptoren Informationen über den neu zu erlernenden Buchstaben aufnehmen“[2].

Lernstile

In den Kognitionswissenschaften (allumfassende Untersuchung der Systeme und Prozesse der Informationsverarbeitung) sucht man nach Vester’s Lerntypen vergeblich. Um überhaupt eine Unterteilung vornehmen zu können, wird hier der Begriff der Lernstile verwendet. Im Grunde ist die Kernaussage dieser Theorie, dass verschiedene Personen trotz der gleichen Ausgangssituation unterschiedliche Präferenzen hinsichtlich des Einsatzes der Sinnesmodalität haben. Das bedeutet, dass die Persönlichkeitsmerkmale und die bevorzugte Variante wie etwas gelernt wird, einen Einfluss auf die Effektivität des Lernens haben. Natürlich gibt es auch für die Lernstile verschiedene Ansätze.  Nach David A. Kolb http://en.wikipedia.org/wiki/David_A._Kolb z.B. ist das Lernen ein Lebenslanger Kreislauf aufgrund von Erfahrungen, Reflexion, Theoriebildung und Ausprobieren. Im Endeffekt haben die vielen Untersuchungen und die intensive Forschung nicht zu einem Allheilmittel geführt. Ein optimales Rezept für effizientes Lernen gibt es bislang leider noch nicht!

Welcher Lerntyp bist Du?

Im Internet lassen sich einige Tests finden, die Dir zeigen sollen, über welche Wege Du Begriffe am besten behalten kannst. Bist Du mehr der auditive, visuelle oder kognitive Typ? Wir haben 3 Teste rausgesucht. Einfach mal ausprobieren. Etwas mehr über sich zu erfahren, kann nie schaden.

Viel Spaß und „bonne Chance“ bei der nächsten Prüfung.

 


Bildnachweis: Faces Technology People Diversity Multiethnic Group Concept © Rawpixel – fotolia.com

Quellen:

[1] Vester, Frederic (1975): Denken, Lernen, Vergessen. Was geht in unserem Kopf vor, wie lernt das Gehirn, und wann läßt es uns im Stich? Stuttgart.

[2] Looß, Maike (2001) Lerntypen? Ein pädagogisches Konstrukt auf dem Prüfstand, S.1, URL: http://www.ifdn.tu-bs.de/didaktikbio/mitarbeiter/looss/looss_Lerntypen.pdf

Autor:

Prof. Dr. Uwe Manschwetus hat seit 1997 eine Professur für Marketing-Management an der Hochschule Harz. Wissenschaftliches Arbeiten und Digitales Marketing sind zwei Schwerpunkte seiner Arbeit.

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