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Learning by doing

Tutorium bikabloWarum man durch Unterrichten zu einem besseren Studenten wird

Der erste Kuss, der erste Zieleinlauf beim Marathon, der erste Vortrag im überfüllten Hörsaal – manche Erlebnisse vergisst man sein Leben lang nicht. Wer mit dem Lampenfieber vor der ersten Vorlesung nicht bis zum Ruf auf eine Professur warten möchte, kann auch bereits im Studium erste Lehrerfahrungen sammeln – nämlich im Rahmen von Tutorien. Was aber sind Tutorien, wozu gibt es sie – und wie wird man selbst Tutor oder Tutorin?

Lernen bikabloDa gerade in den Vorlesungen eng gestrickter Bachelor-Curricula viel theoretisches Wissen vermittelt wird, bleibt leider oft wenig Zeit für praktische Übungen – insbesondere im Hinblick auf die Vorbereitung von Klausuren. Aus Sicht der Studierenden ist es jedoch eine Sache, ob man etwa in der Vorlesung „Einführung in die Statistik“ verstanden hat, was genau ein Korrelationskoeffizient aussagt und unter welchen Bedingungen man ihn berechnen darf, oder ob man in einer einstündigen Klausur mit 15 Aufgaben auch dazu in der Lage ist, den gleichen Koeffizienten in den wenigen dafür verfügbaren Minuten fehlerfrei zu bestimmen. Genau hierfür gibt es nicht nur privat organisierte Lerngruppen, bezahlte Nachhilfe und – nicht unbedingt empfehlenswert – mit viel Kaffee zwei Tage vor dem Klausurtermin durchlernte Nächte, sondern eben auch Tutorien.

Bei Tutorien handelt es sich um begleitend zu einer Vorlesung abgehaltene Übungs- und Wiederholungsveranstaltungen, die zumeist von einem älteren Studierenden oder auch einem wissenschaftlichen Mitarbeiter oder Doktoranden des jeweiligen Professors bzw. der jeweiligen Professorin organisiert und durchgeführt werden. Während es vor dem Bologna-Prozess üblich war, dass Tutorien von Studierenden abgehalten wurden, die bereits ihre Vordiplomprüfungen bestanden hatten, sind es heute nicht selten Master-Studierende, die in den Bachelor-Studiengängen als Tutorinnen und Tutoren fungieren.

Tutorien bikabloNeben kurzen Wiederholungen des Lehrstoffs stehen in solchen Veranstaltungen vor allem Übungen, Übungen und noch mehr Übungen im Vordergrund: Während in mathematischen Tutorien also fleißig gerechnet wird, werden in juristischen Tutorien fiktive Gerichtsfälle durchexerziert und in archäologischen Tutorien historische Texte bewertet. Letztendlich sind Tutorien – ebenso wie etwa Seminare oder Vorlesungen – ein eigener Lehrveranstaltungstyp, der vom Zehn-Personen-Tutorium für die wissenschaftliche Literaturrecherche bis hin zum Statistik-Tutorium vor 300 Studierenden im Hörsaal ganz unterschiedliche Formen annehmen kann. Erfahrungsgemäß ist die Hürde für Nachfragen oder Bitten um Wiederholungen gerade in den studentischen Tutorien deutlich niedriger als in den Vorlesungen selbst – gegenüber einem älteren Mit-Studierenden, mit dem man „auf Augenhöhe“ kommunizieren kann, fällt es schließlich oft leichter, Verständnisprobleme einzuräumen, als gegenüber einem Professor oder einer Professorin.

Wie ein Tutorium didaktisch ausgestaltet wird – ob also beispielsweise Aufgaben in gemeinsamer Diskussion bearbeitet oder aber von Tutorin oder Tutor Schritt für Schritt vorgerechnet werden – wird individuell von den Lehrenden oder aber von den sie beauftragenden Professorinnen und Professoren festgelegt. Je nachdem, ob man selbst am besten visuell, durch Zuhören oder aber in kleineren oder größeren Gruppen lernt, wird ein Tutorium also mehr oder weniger ansprechend sein. In größeren Hochschulen und Universitäten sind aufgrund der Vielzahl an Studierenden (und den damit verbundenen Terminfindungsproblemen bei der Organisation von Tutorien) durchaus auch mehrere Tutorien pro Vorlesung üblich, die sich im Lern- und Vortragsstil deutlich voneinander unterscheiden können – hier kann sich das „Antesten“ verschiedener Tutorinnen und Tutoren also durchaus lohnen.

Sieg bikabloWie aber wird man als Studierender denn nun selbst Tutor oder Tutorin? Zunächst einmal muss man in den entsprechenden Vorlesungen natürlich gut bis sehr gut abgeschnitten haben – trotzdem reichen hervorragende Noten allein meist nicht aus. Da Professorinnen und Professoren „ihre“ Tutorinnen und Tutoren nur selten per Aushang suchen, sondern meist persönlich ansprechen, muss man – grade in vielbesuchten Vorlesungen – in irgendeiner Form positiv aufgefallen sein, sei es durch besonders gute Leistungen, durch aktive Mitarbeit oder durch ins Detail gehende Nachfragen. Das Angebot, ein Tutorium zu übernehmen, ist daher nicht selten ein „kleiner Ritterschlag“ für den Angesprochenen: Du hast gute Leistungen gebracht, hast gut mitgearbeitet und den Stoff verstanden – dir traue ich zu, dass du ihn auch vermitteln könntest.

Neben der Bezahlung – hier gibt es sicher lukrativere Studentenjobs – spricht übrigens einiges dafür, eine solche Anfrage anzunehmen. Zunächst einmal macht sich der Job gut in jedem Einstiegs-Lebenslauf, da Personalverantwortliche nicht nur wissen, dass Tutorinnen und Tutoren wirklich gute Studierende (auch jenseits der einsehbaren Noten) gewesen sein müssen, sondern auch, dass sie das freie Vortragen zu komplexen Fachthemen vor größeren Menschengruppen sowie den Umgang mit Zwischenfragen und Verständnisproblemen gewohnt sind – ein in vielen Branchen hochgeschätzter Soft Skill. Hinzu kommt, dass die Übernahme eines Tutoriums meist eine gute Chance bietet, eine Professorin oder einen Professor näher kennen zu lernen, der oder die einen vielleicht später im Studium intensiver betreut, sollte man sich dafür entscheiden, das unterrichtete Themengebiet zu vertiefen. Vielleicht trifft man auf diesem Weg schon relativ früh im Studium die spätere Betreuerin der eigenen Masterarbeit – oder gar den späteren Doktorvater.

Stress bikabloDer mit weitem Abstand größte Lohn einer Tutorentätigkeit besteht allerdings darin, dass man viele Sachverhalte deutlich besser begreift und sehr viel länger im Gedächtnis behält, wenn man nicht für sich selbst lernt, sondern sich überlegen muss, wie man sein Wissen an Dritte vermittelt. Wer nicht nur für den persönlichen Lernerfolg, sondern auch für den hunderter Kommilitoninnen und Kommilitonen zuständig ist, und sich vor diesen – verständlicherweise – keine Blößen geben möchte, wird bei der Vorbereitung von Veranstaltungen nicht weniger als 100% geben – und dabei meist sehr viel tiefer in den Stoff eintauchen, als noch im Rahmen der eigenen Klausurvorbereitung. Ein Fach, das man als Tutorin oder Tutor unterrichtet hat, wird man also auch viele Jahre nach dem Studium noch gut beherrschen, während sich andere im Studium erworbene Kompetenzen bei Nichtnutzung meist schnell abbauen.

Die Übernahme eines Tutoriums kann daher gerade im Rückblick ein durchaus wichtiger Baustein einer erfolgreichen Studienlaufbahn sein – natürlich nur, solange Vorbereitung und Umsetzung nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen, dass die Leistungen in anderen Fächern darunter leiden…

Illustration: Ellen Burgdorf auf Basis von bikablo

Autor:

Christian Reinboth

Christian Reinboth ist Wirtschaftsinformatiker und einer der Mit-Gründer der HarzOptics GmbH, einem An-Institut der Hochschule Harz. Die Entwicklung und Planung umweltfreundlicher Beleuchtung sowie die statistische Datenanalyse sind wesentliche Schwerpunkte seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit.

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