Wie sieht die Hochschulbibliothek der Zukunft aus?

Neben dem überfüllten Hörsaal, dem zerstreuten Professor und dem Labor voller komplizierter Geräte und Menschen in weißen Arztkitteln, assoziieren wir vermutlich kaum ein Bild mehr mit den Begriffen „Hochschule“ und „Studium“, als das der wohlsortierten Bibliothek mit meterlangen und nur per Leiter bezwingbaren Regalen, Lesetischen und strengem Personal, das stets darum bemüht ist, den Geräuschpegel möglichst niedrig zu halten.

Vom klassischen Bücherlager zum Lernort

Tatsächlich hat dieses Bild mit der heutigen Hochschulbibliothek, die mehr und mehr digitale Leistungen anbietet und die zunehmend stärker multifunktioneller Lernort und hochmoderner technischer Dienstleister, als kuratiertes Bücherlager und hochschuleigener „Raum der Stille“ ist, nur noch wenig zu tun. Aber was sind denn überhaupt die Aufgaben einer Hochschulbibliothek und wie haben diese sich über die Jahrhunderte gewandelt?

Die Bibliothek als Hüterin des Wissens

Hochschulbibliotheken gibt es schon, seit es Hochschulen oder – besser gesagt – Universitäten gibt. Bereits die ersten Universitäten – wie etwa die 1088 gegründete Universität Bologna (deshalb auch Heimstatt für den berühmten Prozess der europäischen Angleichung von Studienabschlüssen) oder die 1096 eröffnete Universität Oxford – legten für die damalige Zeit umfassende Sammlungen von Büchern an und gaben eigene Abschriften in Auftrag. Neben den Klöstern – literarisch verewigt durch Umberto Eco im „Namen der Rose – kommt damit auch den universitären Bibliotheken sowie den Bibliotheken der herrschenden Elite eine wichtige Rolle bei der Bewahrung und Weitergabe von verschriftlichem Wissen zu. Und auch vor den Universitäten im heutigen, europäischen Sprachgebrauch, gab es ja bereits Bibliotheken – man denke nur an die Bibliothek von Alexandria oder an das Haus der Weisheit in Bagdad.

Während der ersten Jahrhunderte waren universitäre Bibliotheken in erster Linie Orte der Sammlung, Aufbewahrung und – internen, nicht öffentlichen – Bereitstellung von Wissen. Für das Studium waren damals insbesondere sogenannte kanonische Texte von herausragender Bedeutung – also Werke, die von den Autoritäten als maßgeblich und normsetzend („Kanon“) betrachtet wurden. Man befasste sich daher in der Philosophie mit Aristoteles, in der Literatur mit Platon und Ovid, in den Rechtswissenschaften mit römischem Recht, in der Medizin mit den hippokratischen Schriften und in der Theologie (neben der Bibel) mit Texten von Augustinus und Thomas von Aquin. Die Bibliothek war der Ort, an dem all diese zentralen Werke in mehrfacher Abschrift vorlagen, so dass Studierende Einblick nehmen konnten.

Mit dem Aufkommen des Buchdrucks im 16. Jahrhundert entfiel nicht nur die Notwendigkeit für aufwändige Abschriften, sondern es vergrößerte sich auch schlagartig die Anzahl an verfügbaren Werken, die in die Bestände aufgenommen werden konnten – die Grundaufgaben der Sammlung, Aufbewahrung und Bereitstellung blieben aber weitestgehend bestehen. Der Wandel hin zu einer wissenschaftlichen Forschungsbibliothek, wie wir sie heute kennen, setzte dann mit Aufklärung, Säkularisation, Universitätsreformen und wachsender Wissenschaftsdifferenzierung im 18. Jahrhundert ein. Man begann mit dem gezielten Bestandsaufbau nach Fachgebieten sowie der systematischen Katalogisierung und Klassifikation von Werken – aus dieser Epoche stammen die noch bis weit in das 20. Jahrhundert gebräuchlichen Karteikartensysteme für die Bestandsrecherche, die wir heute in alten Spielfilmen als Kuriositäten wahrnehmen.

Als die Universitäten sich im 20. Jahrhundert für immer größere Teile der Bevölkerung öffneten, galt das auch für ihre Bibliotheken. Dies führte zur Einführung vieler Dienstleistungen, die das Hochschulbibliothekswesen bis heute prägen: Beratung, Fernleihe, Lese- und Arbeitsplätze und Erweiterung des Angebots um Zeitschriften und später Mikrofilme, CDs, Videos und sogar Software. Insbesondere die digitale Transformation wirkte sich tiefgreifend nicht nur auf die Hochschulbibliotheken, sondern auf alle öffentlichen Bibliotheken und Büchereien aus und veränderte zunächst die Art und Weise der Recherche und später auch die des Abrufens und Lesens von Texten grundlegend.

Digitale Dienste und neue Zugänge

Heutige Hochschulbibliotheken verfügen daher zwar nach wie vor über die meterlangen Regale mit Leitern sowie über Lesetische, an denen man sich möglichst nicht laut unterhalten soll – bieten darüber hinaus aber eine ganze Reihe digitaler und anderer Dienste an. Insbesondere verfügt jede Hochschule über ein elektronisches Katalogsystem, in dem sich nach Fachgebieten, Stichworten, Autoren, Erscheinungsdaten und vielen anderen Kriterien in Sekundenschnelle feststellen lässt, welche Werke sowohl zur physischen Ausleihe als auch zur elektronischen Nutzung zur Verfügung stehen. Viele Hochschulen schließen Rahmenverträge mit großen Wissenschafts- und Lehrbuchverlagen wie etwa Elsevier oder Springer Gabler ab, über die ganze Buchprogramme oder Zeitschriften mit sämtlichen bisher erschienenen Ausgaben in digitaler Form für alle Hochschulangehörigen verfügbar gemacht werden.

Der exponentielle Anstieg des über die Bibliotheken verfügbaren Wissens, ist zwar einerseits als enormer Fortschritt zu begreifen, schafft aber andererseits neue Probleme. Der Wandel von einer noch fass- und greifbaren Anzahl kanonischer Texte pro Fachgebiet über spätere Sammlungen von Tausenden und Zehntausenden von Büchern bis hin zum sofortigen Zugriff auf Millionen von digitalen Texten, macht gänzlich neue Kompetenzen bei der Auswahl, Bewertung und Verarbeitung von Inhalten erforderlich. Denn wie entscheide ich, was für meine Prüfung, Hausarbeit oder Forschungsfrage wichtig ist, wenn so viele Texte zur Auswahl stehen, dass ich sie nicht einmal mehr überfliegen kann?

Viele Hochschulbibliotheken bieten inzwischen umfangreiche Hilfestellungen für den Umgang mit diesem Problem an. In Workshops und Seminaren lässt sich im Team oder im 1:1-Coaching erlernen, wie Recherchewerkzeuge effizient genutzt werden können, wie man mit einer Software zur Literaturverwaltung (wie etwa Zotero oder Citavi) eigene Quellendatenbanken aufbaut und korrekt aus diesen zitiert oder auch wie sich KI-Tools sinnvoll für die Recherche von Texten und deren Zusammenfassung einsetzen lassen.

Fazit

Der Weg in die eigene Hochschulbibliothek lohnt sich daher für jeden Studienanfänger. Auch wenn man sich die Lehrbücher für die ersten Kurse vielleicht schon bei eBay besorgt hat, sollte man sich unbedingt mindestens einmal nach allen Beratungsleistungen, angebotenen Kursen und Online-Diensten sowie nach den verfügbaren Zeitschriften im eigenen Studienfach erkundigen. Die Hilfestellungen und Angebote, die hinter den Türen der Bibliothek auf Studierende warten, können für das gesamte Studium von unschätzbarem Wert sein.

Christian Reinboth

Christian Reinboth ist Wirtschaftsinformatiker und einer der Mit-Gründer der HarzOptics GmbH, einem An-Institut der Hochschule Harz. Die Entwicklung und Planung umweltfreundlicher Beleuchtung sowie die statistische Datenanalyse sind wesentliche Schwerpunkte seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit.

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