Die HR-Funktion steht an einem Wendepunkt, den viele Unternehmen noch immer wie ein gewöhnliches Digitalisierungsprojekt behandeln. Dabei geht es längst nicht mehr um ein paar Chatbots, schnellere Workflows oder ein bisschen Automatisierung im Recruiting. Es geht um die viel unbequemere Frage, ob HR in ihrer bisherigen Form überhaupt noch gebraucht wird — oder ob KI die operative Personalarbeit so grundlegend verändert, dass aus Human Resource bald eher Nearly No Human Resource wird.
Jahrelang wurde HR mit mehr Tools, mehr Portalen, mehr Self-Services und mehr Software-Lizenzen „modernisiert“. Das Ergebnis war jedoch oft nicht Einfachheit, sondern zusätzliche Komplexität. Zudem sieht man oft eine Landschaft aus spezialisierten Teams, getrennten Zuständigkeiten, Software-Suiten, manuellen Ausnahmen und historisch gewachsenen Prozessen. Das war lange akzeptabel, weil Menschen als ausführende Einheit unverzichtbar waren. Doch KI verschiebt diese Logik: Routinen, Textarbeit, Auskünfte, Vorauswahlen, Standardkommunikation und Teile der Steuerung lassen sich bereits heute so weit automatisieren, dass die klassische operative HR-Arbeit bald nicht mehr nötig ist.
Die Debatte sollte also nicht lauten: „Wie setzen wir KI in HR ein?“ Die Debatte sollte lauten: „Wie viel HR braucht ein Unternehmen überhaupt noch, wenn KI Prozesse, Daten, Kommunikation und Entscheidungen immer besser zusammenführt?“
Wenn KI als Herzstück von HR eingesetzt wird, lassen sich alle operativen Tätigkeiten automatisieren. Nicht nur generische KI, KI-Agenten und prediktive KI ermöglichen das – vor allem die Kombination mit klassischer, regelbasierter Automatisierung. Dafür müssen die IT-Systeme, das HR-Betriebsmodell und das Mindset von HR elementar verändert werden. Zudem müssen alle Prozesse und Policies präzise und maschinenlesbar beschrieben sei und HR-Daten vorliegen, die vollständig und fehlerfrei sind. Eine Vollautomatisierung der Serviceseite von HR muss nicht geschehen – jedes Unternehmen kann das selbst entscheiden. Aber es ist möglich, die HR-Funktion ohne menschliches Zutun im Service für Mitarbeitende und in der operativen Abarbeitung von Anliegen aufzustellen.
HR hat eine Zukunft – nur eben keine in der operativen Abarbeitung von Tätigkeiten, sondern in der Steuerung des People-Angebots in Unternehmen. Was biete ich als Unternehmen bzgl. Gesundheit und Bildung an? Wie entwickle ich Talente? Wie gestalte ich die Employee Experience, wenn KI administrative Tätigkeiten übernimmt? Wie gestalte ich das Employer Brand? HR wird zukünftig Product Owner brauchen, die das gestalten. Die HR-Funktion benötigt Digitalisierungsexpertinnen und -experten, die die IT-Infrastruktur, die Daten und die User Experience gestalten. Weniger Auswirkungen hat KI und Auswirkungen auf Labour Relations und die Unternehmenspolitik. HR wird zukünftig völlig neu aussehen.
Wenn Unternehmen KI ernst nehmen, dann müssen sie auch die unbequeme Konsequenz ernst nehmen: HR wird nicht verschwinden, aber die HR-Funktion in ihrer heutigen Form könnte sehr viel schneller verschwinden, als vielen lieb ist.
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