Rekrutierung neu gedacht: Das Call-Meet-Engage Konzept

In ihrem Beitrag „New Recruiting – Das CME-Konzept“ im Sammelband „Personalmarketing in 3D“ beschreibt Silke Wöhrmann ein innovatives Modell der Personalauswahl, das wissenschaftliche Anforderungen, betriebliche Realität und Bewerbererwartungen miteinander verbindet1. Das Call-Meet-Engage Konzept versteht sich dabei als Antwort auf veraltete Recruiting-Prozesse und stellt eine neue, praxisnahe und bewerberorientierte Herangehensweise an die Personalgewinnung vor.

Warum klassische Verfahren nicht mehr funktionieren

Unternehmen stehen heute zwischen den Fronten: Die Wissenschaft fordert valide, zuverlässige Auswahlverfahren. Gleichzeitig pochen Bewerber auf Transparenz, Wertschätzung und Effizienz. Die Realität? Oft überholte Prozesse, langwierige Abläufe und enttäuschte Kandidaten. Genau hier setzt das Call-Meet-Engage Konzept an.

Das Prinzip: Bewerber als Kunden denken

Das Konzept basiert auf einer zentralen Haltung: Der Bewerber ist Kunde. Er bringt einen Mehrwert ins Unternehmen – und muss auch so behandelt werden. Das Call-Meet-Engage Konzept (kurz: CME) denkt den Bewerbungsprozess konsequent aus Sicht des Bewerbers neu.

1. Call – Erstkontakt auf Augenhöhe

Statt komplizierter Bewerbungsformulare startet der Prozess mit einem einfachen Klick auf der Website: „We call you“. Der Arbeitgeber ruft den Interessenten aktiv an – ein kurzes, strukturiertes Telefoninterview ersetzt das klassische Anschreiben. Ziel: unkomplizierter Einstieg, ehrlicher Dialog, erste Passung prüfen.

2. Meet – Kennenlernen statt Ausfragen

Im zweiten Schritt folgt ein Gespräch – aber nicht im sterilen Büro. Vielleicht im Café oder im Park. Im Zentrum steht das persönliche Kennenlernen: Passen Mensch und Betrieb wirklich zusammen? Die subjektive Ebene wird nicht verdrängt, sondern bewusst zugelassen. Denn Zusammenarbeit entsteht zwischen Menschen, nicht zwischen Lebensläufen.

3. Engage – Probearbeit statt PowerPoint

Wer überzeugt, darf im echten Arbeitsumfeld zeigen, was er kann. Die Probearbeit ist das Herzstück des Call-Meet-Engage Konzepts. Hier zeigt sich, ob Kompetenzen und Teamfähigkeit auch in der Praxis bestehen. Statt auf Tests zu setzen, wird Verhalten direkt beobachtet – valid, transparent, praxisnah.

Übersicht der eignungsdiagnostischen Instrumente. Quelle: Silke Wöhrmann, New Recruiting – Das CME-Konzept, S. 208

7 Prinzipien für ein neues Recruiting

Das CME-Konzept basiert auf folgenden Postulaten: Sofort, empathisch, locker, methodisch, ergiebig, nett, terminiert. Damit wird nicht nur der Prozess beschleunigt – er wird zugleich menschlicher, professioneller und zukunftsfähiger gestaltet.

Weniger Bürokratie, mehr Mensch

Die klassische Bewerbungslogik wird aufgebrochen. Statt Bewerber durch standardisierte Verfahren zu schleusen, entsteht ein agiler, dialogorientierter Auswahlprozess. Ein Gewinn für beide Seiten: Unternehmen gewinnen passende Mitarbeiter, Bewerber gewinnen echte Chancen.

Fazit: Recruiting im Wandel

Das Call-Meet-Engage Konzept ist mehr als ein Verfahren – es ist eine Haltung. Wer Personalgewinnung ernst nimmt, muss bereit sein, alte Zöpfe abzuschneiden. Validität, Akzeptanz und Praktikabilität schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Sie bilden zusammen die Grundlage für eine moderne, faire und effektive Personalauswahl.


  1. Dieser Artikel basiert auf dem Beitrag „New Recruiting – Das CME-Konzept“ von Silke Wöhrmann aus dem Buch „Personalmarketing in 3D“ (Hrsg. Ahrendt / Wöhrmann), Thurm-Verlag 2018. ↩
Uwe Manschwetus

Prof. Dr. Uwe Manschwetus hat seit 1997 eine Professur für Marketing-Management an der Hochschule Harz. Wissenschaftliches Arbeiten und Digitales Marketing sind zwei Schwerpunkte seiner Arbeit.

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