Über das Studium vor, während und nach dem Studium
Wenn man die kleinen grauen Zellen nicht trainiert, dann rosten sie ein – das wusste schon Hercule Poirot in dem 1936 erschienenen Roman „Die Morde des Herrn ABC“ von Agatha Christie über die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens, Neu-Lernens, Dazu-Lernens und Wiederer-Lernens zu berichten. Seit 1962 steht die „lifelong education for all“ auf der Liste der UNESCO-Ziele – auch wenn der Begriff seitdem immer wieder neu definiert wurde.
Die all diesen Definitionen zugrundeliegende Überlegung ist jedoch immer die gleiche: In einer zunehmend komplexeren (Arbeits-) Welt, in der die Einführung neuer Technologien mittlerweile nicht mehr im Rhythmus von Jahrzehnten, sondern jährlich erfolgt, kann man nach einer erfolgreichen Berufsausbildung oder einem abgeschlossenen Studium schlicht keine 30 bis 40 Jahre auf Basis des einmal erworbenen Wissens weiterarbeiten. Vielmehr muss man dazu bereit sein, sich ständig an neue Anforderungen und Rahmenbedingungen anzupassen – man denke etwa an die tiefgreifenden Veränderungen, die sich in den letzten zehn Jahren durch Digitalisierung, Globalisierung, demografischen Wandel, Klimaschutz und Klimaanpassung sowie aktuell die rasante Entwicklung von KI-Tools für das Berufsleben vieler Menschen ergeben haben. Sobald jemand in einer Sache Meister geworden ist, sollte er gleich wieder in einer neuen Sache Schüler werden – so fasste der deutsche Schriftsteller Gerhart Hauptmann („Die Weber“) einst die Prämisse des lebenslangen Lernens viele Jahrzehnte vor der ersten UNESCO-Definition treffend zusammen.
Dabei ist das lebenslange Lernen keineswegs nur auf den Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit beschränkt, vielmehr hat der Erwerb von Wissen und Kompetenzen über die gesamte Lebensspanne auch vielfältige gesellschaftliche Vorteile. Bildung ermöglicht Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit, schafft Orientierung in Umbruchphasen, schärft Urteilsfähigkeit, Kreativität und Reflexionsvermögen und unterstützt damit letztendlich auch die gesellschaftliche Teilhabe in politischen, kulturellen und sozialen Bereichen.
Das „Bildungs-Ökosystem“ des lebenslangen Lernens ist äußerst vielfältig und schließt etwa Volkshochschulen, Berufsschulen, Vereine, Berufsverbände und Kammern sowie private Bildungsdienstleister ein. Auch die Hochschulen können in diesem Kontext eine wichtige Rolle spielen – beispielsweise mit Studienangeboten für Berufstätige und Nicht-Abiturienten oder durch Fort- und Weiterbildungen im Auftrag von Unternehmen.
Von immer größerer Bedeutung sind dabei auch digitale Bildungsangebote, in denen Menschen neue Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben können, ohne an bestimmte Zeiten und Orte gebunden zu sein. Seit der Corona-Pandemie, die einer ganzen Generation junger Menschen vor Augen geführt hat, dass Bildung – auch wenn oft mehr schlecht als recht – auch auf Distanz möglich ist, ist das Interesse an solchen Angeboten spürbar angestiegen.
Zunehmend im Trend liegen dabei die sogenannten Microcredentials – kleine und klar abgegrenzte Bildungsnachweise für den Erwerb bestimmter Kompetenzen oder Kenntnisse. Im Gegensatz zu einem langjährigen Studium oder einer Ausbildung lassen sich Micocredentials meist innerhalb von Wochen oder sogar Tagen abschließen und fokussieren eng auf ein ganz bestimmtes Thema oder einen spezifischen Skill – beispielsweise auf die Erstellung einer Balanced Scorecard, auf die Durchführung einer SWOT-Analyse oder auf die Interpretation eines Regressionsmodells. Im Mittelpunkt der Vermittlung steht dabei oft weniger die Theorie hinter einem Verfahren oder dessen Historie, sondern die Fähigkeit des Lernenden, ein Verfahren ganz konkret einsetzen zu können. Digitale Micocredentials können zeit- und ortsunabhängig erworben, über Badges und digitale Zertifikate leicht nachgewiesen und miteinander kombiniert werden, um höherwertigere Kompetenznachweise zu erhalten,
Die bunte neue Welt dieser digitalen Micocredentials stellt Hochschulen durchaus vor Herausforderungen, da auch die Wirtschaft diese Ausbildungsform für sich entdeckt hat. Insbesondere größere Unternehmen bieten inzwischen eigene Micocredentials-Programme für Mitarbeitende oder Jobinteressierte an, über die auf die Anforderungen und Bedürfnisse genau dieses Unternehmens zugeschnittene Qualifikationsnachweise zu geringen oder sogar zu gar keinen Kosten erworben werden können – Nachweise, die zumindest ökonomisch äußerst attraktiv sind, da der Lernende die Sicherheit hat, dass der aktuelle oder zukünftige gewünschte Arbeitgeber sie anerkennen wird. Mehr als eine Million Menschen haben beispielsweise schon mindestens ein „Google Career Certificate“-Programm erfolgreich abgeschlossen, seitdem dieses im Jahr 2018 ins Leben gerufen wurde. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum (2018-2025) wurden an der größten deutschsprachigen Fernhochschule – der FernUniversität in Hagen – lediglich 26.604 Studienabschlüsse vergeben.
Trotz des zahlenmäßigen Vorsprungs privater Bildungsakteure sind viele öffentliche Hochschulen inzwischen durchaus mit Erfolg am Markt für Microcredentials aktiv. Insbesondere die Möglichkeit einer Hochschule, ECTS-Punkte auf Mikrozertifikate zu vergeben und sie damit für ein späteres Studium an dieser oder sogar an einer anderen Hochschule anrechenbar zu machen, trägt zur Attraktivität der staatlichen Bildungsangebote bei. Darüber hinaus können Unternehmenszertifikate rasch an Wert verlieren, wenn sich Produkte, Versionen oder Märkte ändern. Von Hochschulen vergebene Microcredentials dokumentieren dagegen eher grundlegende und damit übertragbare Kompetenzen.
Unabhängig vom Anbieter bieten Microcredentials spannende Möglichkeiten, um die eigenen Kompetenzen vor, während und auch nach einem Studium gezielt weiterzuentwickeln. Wer bereits während der Schulzeit, aus der Ausbildung oder dem Berufsleben heraus in die Inhalte eines Wunsch-Studiums hineinschnuppern möchte, kann dies über einen entsprechenden Kurs problemlos tun. Wer während den Studiums Probleme mit einem speziellen Fach oder Thema hat, kann sich über das Angebot einer anderen Hochschule zu einer frischen Perspektive verhelfen. Und wer das Studium erfolgreich abschließen und damit zum „Meister“ (Master) seines Fachs werden konnte, kann das erworbene Wissen hinterher nicht nur regelmäßig auffrischen, sondern als „Schüler“ gleich wieder in das nächste Themenfeld einsteigen.
Ob die eigene (Wunsch-) Hochschule Microcredentials oder andere Angebote für lebenslanges Lernen bietet, lässt sich meist leicht über die Webseite ermitteln – ansonsten lohnt sich für einen ersten Einstieg ins Thema Microcredentials der Blick in die kostenfreien Angebote der britischen Open University (https://www.open.edu/openlearn/) und des MIT (https://ocw.mit.edu/).
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