Praktikantenprogramme: Nachwuchs gewinnen und langfristig binden

Kaffee kochen, kopieren und gelegentlich bei einer Besprechung zuhören: So sah das Praktikum früher in manchen Unternehmen aus. Doch wer junge Menschen lediglich als günstige Arbeitskräfte betrachtet, verschenkt wertvolle Chancen. Gut gestaltete Praktikantenprogramme ermöglichen nicht nur Einblicke in den Berufsalltag, sondern können zu einem wichtigen Instrument der langfristigen Personalgewinnung werden. Welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen und warum der Kontakt zu ehemaligen Praktikanten besonders wichtig ist, beschreibt Marcel Rütten in seinem Beitrag aus dem Buch „Personalmarketing in 3D“.¹

Warum Praktikantenprogramme strategisch wichtig sind

Die Zeiten der sogenannten Generation Praktikum sah Rütten bereits 2018 weitgehend überwunden. Angesichts des zunehmenden Wettbewerbs um qualifizierte Nachwuchskräfte hatten viele Unternehmen erkannt, dass sie Studierenden attraktive Arbeitsbedingungen bieten mussten. Gleichzeitig eröffneten Praktika den Betrieben die Möglichkeit, potenzielle Mitarbeiter frühzeitig kennenzulernen und für sich zu gewinnen.

Dabei profitieren beide Seiten. Studierende können theoretisches Wissen in der Praxis anwenden, berufliche Vorstellungen überprüfen und erste Erfahrungen sammeln. Unternehmen wiederum erhalten neue Ideen, profitieren vom aktuellen Wissen der Studierenden und lernen deren Fähigkeiten und Persönlichkeit kennen. Besonders interessant wird diese Zusammenarbeit, wenn aus einem zunächst befristeten Praktikum später ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis entsteht. Damit dies gelingt, reicht es allerdings nicht, gelegentlich Praktikumsstellen anzubieten. Erfolgreiche Praktikantenprogramme müssen systematisch geplant und in die langfristige Personalstrategie eingebunden werden.

Was erfolgreiche Praktikantenprogramme auszeichnet

Die wichtigste Voraussetzung ist eine anspruchsvolle und abwechslungsreiche Tätigkeit. Wer ein Praktikum absolviert, möchte etwas lernen und herausfinden, ob ein bestimmter Beruf zu den eigenen Interessen und Fähigkeiten passt. Unternehmen sollten deshalb Aufgaben übertragen, die einen realistischen Einblick in den Arbeitsalltag ermöglichen. Dazu können eigenständige Teilprojekte gehören, bei denen die Studierenden Verantwortung übernehmen und eigene Ideen einbringen können.

Ebenso wichtig sind klare Lernziele. Bereits zu Beginn sollten die Erwartungen beider Seiten besprochen und die angestrebten Kompetenzen festgelegt werden. Dazu gehört auch eine konstruktive Fehlerkultur. Wer berufliche Erfahrungen sammelt, muss Dinge ausprobieren dürfen, ohne dass jeder Fehler unmittelbar negative Konsequenzen hat. Regelmäßiges Feedback hilft dabei, aus diesen Erfahrungen zu lernen und die eigene Entwicklung zu reflektieren.

Eine besondere Rolle spielt das Teamklima. Praktikanten sollten als vollwertige Mitglieder ihrer Abteilung behandelt werden und selbstverständlich an Besprechungen und gemeinsamen Aktivitäten teilnehmen können. Feste Ansprechpartner, eine verlässliche Betreuung und flexible Arbeitszeiten tragen ebenfalls zur Zufriedenheit bei. Schließlich müssen viele Studierende ihr Praktikum mit Lehrveranstaltungen, Prüfungen oder familiären Verpflichtungen vereinbaren. Auch eine angemessene Vergütung gehört zu einem attraktiven Angebot. Rütten betont allerdings, dass Geld allein kein gutes Praktikum garantiert. Entscheidend ist das Zusammenspiel aller Faktoren.

Illustration zu Praktikantenprogramme

Der Intern Life Cycle: Vom Erstkontakt zur langfristigen Bindung

Um Praktikantenprogramme systematisch zu gestalten, beschreibt Rütten den sogenannten Intern Life Cycle. Gemeint ist der gesamte Weg, den Studierende im Kontakt mit einem Unternehmen durchlaufen – von der ersten Orientierung über das Praktikum bis zu einer möglichen späteren Rückkehr als Mitarbeiter.

Der Prozess beginnt lange vor dem ersten Arbeitstag. In der Phase Orientation & Attraction müssen Unternehmen als attraktive Praktikumsgeber wahrgenommen werden. Dazu dienen beispielsweise Karriereseiten, Hochschulkontakte, Veranstaltungen und Empfehlungen anderer Studierender. In der anschließenden Recruiting-Phase kommt es darauf an, verständliche Stellenangebote zu formulieren, Bewerbungen zügig zu bearbeiten und transparent über die weiteren Schritte zu informieren.

Nach der Einstellung folgt das Onboarding. Gerade weil Praktika häufig nur wenige Monate dauern, ist eine schnelle und sorgfältige Einarbeitung wichtig. Ein vorbereiteter Arbeitsplatz, persönliche Begrüßung, klar definierte Aufgaben und die Vorstellung im Team erleichtern den Einstieg. Während der anschließenden Entwicklungsphase stehen Lernen, fachliche Betreuung und regelmäßiges Feedback im Mittelpunkt. Am Ende des Praktikums sollte das Unternehmen schließlich nicht nur die erbrachte Leistung beurteilen, sondern auch erfahren, wie die Studierenden ihre Zeit im Betrieb erlebt haben.

Warum das Praktikum nicht mit dem letzten Arbeitstag enden sollte

Hier liegt nach Rüttens Auffassung eine der größten ungenutzten Chancen vieler Unternehmen. Sie investieren Zeit und Geld in die Betreuung talentierter Studierender, verlieren nach deren Ausscheiden aber den Kontakt. Dabei können zwischen dem Ende eines Praktikums und dem späteren Berufseinstieg noch mehrere Jahre liegen.

Deshalb sollten Praktikantenprogramme eine langfristige Kontaktpflege vorsehen. Alumni-Netzwerke bieten ehemaligen Praktikanten die Möglichkeit, mit dem Unternehmen verbunden zu bleiben. Über solche Netzwerke können Informationen über berufliche Einstiegsmöglichkeiten, Veranstaltungen, Weiterbildungsangebote oder die Entwicklung früherer Projekte ausgetauscht werden.

Entscheidend ist, dass die Kontakte nicht ausschließlich dann aktiviert werden, wenn eine Stelle zu besetzen ist. Ein Alumni-Netzwerk muss auch für die ehemaligen Praktikanten einen Nutzen bieten. So kann eine Beziehung entstehen, die über das ursprüngliche Beschäftigungsverhältnis hinaus Bestand hat.

Wie sich der Erfolg von Praktikantenprogrammen zeigt

Rütten unterscheidet drei mögliche Ergebnisse, die er unter dem Begriff Conversion zusammenfasst. Das naheliegendste ist das Rehiring: Ehemalige Praktikanten kehren nach ihrem Studium oder ersten Berufserfahrungen zurück und werden fest angestellt. Für Unternehmen ist das besonders interessant, weil beide Seiten bereits wissen, was sie voneinander erwarten können.

Ein zweiter Effekt betrifft das Employer Branding. Wer während seines Praktikums positive Erfahrungen gemacht hat, empfiehlt den Arbeitgeber möglicherweise weiter. Ehemalige Praktikanten können damit zu glaubwürdigen Botschaftern der Arbeitgebermarke werden, auch wenn sie selbst nicht in das Unternehmen zurückkehren.

Schließlich können frühere Kontakte später sogar geschäftlich interessant werden. Wenn ehemalige Praktikanten in anderen Unternehmen berufliche Verantwortung übernehmen, entstehen unter Umständen neue Kundenbeziehungen oder Kooperationen. Diese Form des Business Development zeigt, dass der Nutzen guter Praktikantenprogramme über die unmittelbare Personalgewinnung hinausreichen kann.

Was Unternehmen daraus lernen können

Ein Praktikum ist nicht nur eine zeitlich begrenzte Beschäftigung, sondern kann der Beginn einer langfristigen Beziehung zwischen einem Menschen und einem Unternehmen sein. Damit diese Beziehung entsteht, müssen Arbeitgeber die Perspektive der Studierenden ernst nehmen. Sie benötigen interessante Aufgaben, individuelle Betreuung, Entwicklungsmöglichkeiten und ein Arbeitsumfeld, in dem sie sich willkommen fühlen. Ebenso wichtig ist es, den Kontakt nach dem Praktikum bewusst fortzuführen.

Erfolgreiche Praktikantenprogramme verbinden damit Nachwuchsförderung und strategische Personalgewinnung. Ihr langfristiger Wert zeigt sich nicht allein daran, wie viele Studierende ein Praktikum absolvieren, sondern auch daran, wie viele von ihnen später zurückkehren, das Unternehmen weiterempfehlen oder auf andere Weise mit ihm verbunden bleiben.


¹ Dieser Artikel basiert auf dem Beitrag „Praktikantenprogramme als nachhaltige und strategische Rekrutierungskanäle“ von Marcel Rütten aus dem Buch „Personalmarketing in 3D“ (Hrsg. Ahrendt / Wöhrmann), Thurm-Verlag 2018.

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