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Die „verhinderte Weltausstellung“: Die Berliner Gewerbeausstellung von 1896

Vom 1. Mai bis zum 15.  Oktober 1896  fand in Berlin-Treptow die große Berliner Gewerbeausstellung statt. Erst mehr als hundert Jahre nach der Gewerbeausstellung ist in Deutschland mit der Expo 2000 in Hannover eine in Breite und Vielfalt ähnlich gigantische Leistungsschau veranstaltet worden. Zu Recht wurde deshalb die Gewerbeausstellung von Chronisten als „verhinderte Weltausstellung“ bezeichnet.

Die Gewerbeausstellung: Berlins Sprung in die Moderne

Neben modernen technischen Errungenschaften und Exponaten lockten auf der Gewerbeausstellung zahlreiche Unterhaltungsattraktionen sowie eine sog. Kolonialausstellung (die „1. Deutsche Kolonialausstellung“) die Besucher an.

Die Kolonialausstellung war Thema meines letzten Blogs („Cultural Villages als Tourismusattraktion: Revival der Kolonialausstellungen?“). Diesmal möchte ich den Fokus auf die Berliner Gewerbeausstellung richten.

Berliner Gewerbeausstellung von 1896 am Eröffnungstag
Die Berliner Gewerbeausstellung am Eröffnungstag (Foto: Lindenberg,1896)

1896 war Berlin nach London, New York und Paris mit fast vier Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt der Welt. Und die Reichshauptstadt wuchs in einem rasanten Tempo weiter. In Berlin herrschte Aufbruchsstimmung; die Gewerbeausstellung traf damit den Nerv der Zeit.

Berlin im Jahr 1900
Berlin um 1900: „Tempo,Tempo,Tempo“ (Wikimedia Commons)

Dass die Gewerbeausstellung nicht, wie ursprünglich von der Berliner Wirtschaft geplant, den Rang einer Weltausstellung einnehmen durfte, lag in erster Linie an Eifersüchteleien einiger deutscher Bundesstaaten und am Einspruch von Kaiser Wilhelm II., der sich mit dem kosmopolitischen Charakter und den hohen Kosten einer internationalen Leistungsschau wohl nicht anfreunden konnte. („Weltausstellung is nich, meine Herren.“) Die Berliner Unternehmer ließen sich von ihrer Vision einer Weltausstellung nicht gänzlich abbringen – und tauften das Projekt kurzerhand in Gewerbeausstellung um. An den ursprünglich beabsichtigten Dimensionen änderte sich wenig; mit einer Fläche von insgesamt 1,1 Millionen Quadratmetern überboten die Berliner fast alle bisherigen Weltausstellungen. Die  Aussteller kamen mehrheitlich aus Berlin, aber auch aus anderen Teilen des Reichs. Die Gewerbeausstellung hatte damit einen nationalen Charakter. Nur der internationale Bezug fehlte.

Offizielles Ausstellungsplakat der Gewerbeausstellung von 1896
Das offizielle Ausstellungsplakat (Wikimedia Commons)

Die Gewerbeausstellung – Schrittmacher für die Infrastruktur

Die Vorbereitungen für die Gewerbeausstellung führten in Berlin zu gravierenden infrastrukturellen Verbesserungen: Ab 1896 verkehrten fünfzig Motorwagen von Siemens mit je zwei Anhängern auf vier elektrifizierten Bahnlinien im 2,5-Minuten-Takt von der Innenstadt nach Treptow, um den erwarteten  Besucherandrang bewältigen zu können. Die Gewerbeausstellung gab damit den letzten Anstoß zur Umstellung der Berliner Straßenbahnen von Pferdekraft auf Stromantrieb. Zwei Jahre später wurde die Elektrifizierung des gesamten Berliner Streckennetzes beschlossen. Die Ringbahn bekam eine eigene Haltestelle (heute der S-Bahnhof Treptower Park), die Görlitzer Bahn einen eigenen Bahnhof direkt am Ausstellungsgelände. Am Spreeufer entstanden sechs Dampferanlegestellen; für Wilhelm II. wurde eine eigene Landungsbrücke für sein Kaiserschiff eingerichtet.

Straßenbahnen in Treptow 1896
Zwischen der Innenstadt und dem Ausstellungsgelände in Treptow verkehrten elektrische Straßenbahnen (Foto: Siemens Historical Institute)

Leistungsschau, Vergnügungspark und Wissensvermittlung

Etwa 4.000 ausstellende Unternehmen, Vereine und Institutionen zeigten in 22 Ausstellungsbereichen einen Querschnitt ihrer Leistungen. Vertreten waren u.a. die Textil- und Bekleidungsindustrie, die Holz-, Chemie- und Metallindustrie, das Graphische Gewerbe, die Lebensmittelindustrie, der Instrumente-, Maschinen- und Fahrzeugbau, die Elektrotechnik sowie zahlreiche Einrichtungen aus dem Gesundheits-, Forschungs- und Ausbildungsbereich.

Hauptausstellungsgebäude  der Gewerbeausstellung von 1896 in Berlin
Die Industriehalle, das Hauptausstellungsgebäude (Bild: Konrad,1896)

Im Hauptausstellungsgebäude, das eine Grundfläche von 50.000 Quadratmetern bedeckte, präsentierte sich die Industrie. Der folgende Originaltext aus dem ‚Prachtalbum der Berliner Gewerbeausstellung’ von 1896 macht den Stolz der Berliner Unternehmen auf ihre Produktbandbreite und Leistungsstärke deutlich:  

„Dass Berlin seinen Ruf, die erste Industriestadt der Welt zu sein, mit Recht verdient, geht aus der von fast dreihundert Ausstellern beschickten Gruppe für Maschinenbau, Schiffsbau und Transportwesen hervor. Alles was zum Maschinenbau gehört, ist hier vertreten, von den unscheinbarsten Schrauben bis zum pustenden Dampfkoloss, der viele hundert Pferdekräfte in seinem gigantischen Innern birgt, von der schmalen Eisenbahnschiene bis zur gewaltigen Lokomotive, von dem elektrisch betriebenen Pfluge bis zum kraftverkörpernden Wasserhebewerk.“

Wie auf den Weltausstellungen wurde auch auf der Gewerbeausstellung für die Unterhaltung und das Vergnügen der Besucher gesorgt: Besondere Attraktionen waren der Nachbau von zwei historischen Stadtvierteln („Alt-Berlin“ und „Kairo“), eine 30 Meter hohe Nachbildung einer ägyptischen Pyramide, ein Alpenpanorama, Reiter- und Theatervorführungen, Marineschauspiele und ein Vergnügungspark mit einer Turmbahn. Zahlreiche Restaurantbetriebe boten drinnen und draußen Platz für die erschöpften Besucher.

Georgentor im alten Berlin
„Alt-Berlin“, am Georgentor (Foto: Lindenberg,1896)

Das Gelände der Gewerbeausstellung

Um überhaupt die Genehmigung für die Nutzung des Treptower Parks zu bekommen, mussten sich die Organisatoren der Gewerbeausstellung verpflichten, sämtliche Gebäude und sonstigen Einrichtungen nach Ausstellungsende wieder abzubauen. Da es sich dabei größtenteils um im Massivbau errichtete Hallen, Pavillons, Restaurants und Aussichtstürme handelte, war hierfür der zeitliche und finanzielle Aufwand entsprechend hoch. Auch der künstlich angelegte Neue See zwischen dem Hauptausstellungsgebäude und dem Hauptrestaurant mit seinem 70 Meter hohen Wasser- und Aussichtsturm wurde zugeschüttet. Es dauerte Jahre, bis der Treptower Park als Erholungspark von den Berlinern wieder voll genutzt werden konnte.

Als einziges stationäres Exponat hat die Archenhold-Sternwarte das Ausstellungsende überlebt. Sie durfte mit Genehmigung des Berliner Magistrats stehenbleiben. Bis heute ist sie mit einer Brennweite von 21 Metern das längste Linsenfernrohr der Welt.

Geplant war, dass man von Stralau auf der gegenüberliegenden Spreeseite durch einen Tunnel unter der Spree zur Gewerbeausstellung gelangen könnte. Dieser Tunnel, ein Testprojekt für Berliner Untergrundbahnen, wurde aber erst 1899 fertiggestellt und für den Bahnbetrieb freigegeben.

Die Bilanz der Gewerbeausstellung

Die Gewerbeausstellung war mit ihren 4.000 Ausstellern, darunter die Weltkonzerne Siemens, Agfa, AEG, Borsig und Zeiss, und 7,4 Millionen Besuchern in knapp sechs Monaten von den Dimensionen her in der Tat eine „verhinderte Weltausstellung“. Es fehlten lediglich die ausländischen Aussteller. (Zum Vergleich: Der Europa-Park in Rust, Deutschlands größter Erlebnispark, verzeichnete im ganzen Jahr 2017 5,6 Millionen Besucher.)

Auch die Besucher aus New York, London und Paris beindruckten die spektakulären technischen Exponate, die Illuminierung des gesamten Geländes durch das noch junge elektrische Licht, die 3,4 km lange Parkbahn oder z. B. die Aufstiege eines Fesselballons und des ersten motorgetriebenen Luftschiffs.

Trotz aller Bewunderung und Begeisterung gab es einen gehörigen Wermutstropfen:

Den ganzen Sommer über regnete es fast täglich. Statt der kalkulierten 55.000 Besucher kamen im Schnitt pro Tag nur 41.000 auf das Ausstellungsgelände. Insbesondere die Einnahmen der Gastronomie- und Unterhaltungseinrichtungen blieben dadurch weit unter den Erwartungen, so dass schon im Juli einige Betriebe Konkurs anmelden mussten.

Die Gewerbeausstellung schloss bei einem Investitionsvolumen von zehn Mio. Reichsmark mit einem Defizit von zwei Mio. Reichsmark, auf dem die Berliner Wirtschaft sitzen blieb. (Anders als die begleitende Kolonialausstellung, die großzügige staatliche Unterstützung vom Auswärtigen Amt genoss, musste die Gewerbeausstellung ohne finanzielle Zuwendungen auskommen.)

Eine Sternstunde des Ausstellungswesen

Was bleibt, ist die Erinnerung an ein Mega-Ereignis, das Berlin zumindest für einen Sommer erstmalig zu einer wirklichen Weltstadt machte. Zeitgenössische Feuilletonisten wie Alfred Kerr mäkelten zwar mitunter am ihrer Meinung nach provinziell anmutenden Unterhaltungscharakter der Ausstellung herum, konnten sich aber ihrer Faszination nicht entziehen. „Berlin hat einen einzigen Gedanken und eine einzige Wallfahrt: Treptow (…) Die Ausstellung lockt mit Zaubergewalt. Man entdeckt bei jedem Besuch unerforschte Gebiete, in denen man gern verweilt“ (A. Kerr, in: Briefe aus der Reichshauptstadt).

Die visionäre Gestaltungskraft der Ausstellungsmacher nötigten auch den Kritikern Respekt ab. Die Realisierung der Gewerbeausstellung dauerte inklusive der infrastrukturellen Projekte in Treptow (Bahnanschlüsse und Bahnhöfe, Straßen, Schiffsanlegestellen, Brücken, Ver- und Entsorgungsleitungen) nur unglaubliche zwei Jahre. (Der Bau des neuen Berliner Flughafens dagegen … aber lassen wir das lieber.)

Lesetipp

Mit der Tram in die Kolonien des Kaisers
Die Gewerbe- und Kolonialausstellung von 1896 in Berlin
Klappbroschur, 140 Seiten, Format A5, 124 Abb., € 19,90
Thurm-Verlag, ISBN 978-3-945216-28-6

Autor:

Horst Kleinert

Prof. Dr. Horst Kleinert ist Professor (em.) für Marketing mit den Schwerpunkten Werbung, Tourismus und Existenzgründung. Heute ist er Gründungscoach und Fachautor in Berlin.

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