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ResearchGate, Academia oder Mendeley – sollten Studierende in akademischen Social Networks mitmischen?

Netzwerk

Neben den mitgliederstärksten sozialen Netzwerken wie Facebook, Google+ oder Twitter (eigentlich ja ein Mikroblogging-Dienst), sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Nischennetzwerke entstanden – und größtenteils auch schon wieder verschwunden. So gab und gibt es spezielle Netzwerke für Eltern, Schüler, Senioren, Alleinerziehende, Hobbyköche, Rollenspieler – und eben auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Dass sich der Einstieg in solche Netzwerke durchaus bereits im Studium lohnt – selbst dann, wenn man nach Studienende gar nicht in der Forschung bleiben möchte – soll in diesem Blogpost anhand von drei Vorteilen solcher Netzwerke für Studierende gezeigt werden, wobei immer wieder beispielhaft auf die drei in Deutschland besonders erfolgreichen akademischen Netzwerke ResearchGate, Academia und Mendeley verwiesen wird. Eine Auflistung weiterer akademischer Social Networks findet sich am Ende des Artikels.

Man erhält schnell, einfach und kostenfrei Zugriff auf zahlreiche Fachpublikationen

Aus meiner Sicht besteht der größte Nutzen einer Mitgliedschaft in akademischen sozialen Netzwerken im vereinfachten Zugriff auf eine Vielzahl aktueller wissenschaftlicher Publikationen sowie weiterer Dokumente, die üblicherweise der sogenannten „Grauen Literatur“ zugeordnet werden (zum Beispiel Projektberichte, Studienarbeiten, Handbücher etc. pp.). Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler laden eigene Arbeiten in Form von PDF-Dokumenten in akademische Netzwerke hoch – darunter zum Teil urheberrechtlich geschütztes und daher sonst hinter einer Paywall verstecktes Material, das man mit einem simplen Klick bei den Autoren anfordern kann (die private Weitergabe von Papern an einzelne Kolleginnen und Kollegen ist im Gegensatz zum öffentlichen Upload ja meistens noch gestattet). Die akademischen Netzwerke sind daher inzwischen der – nach den akademischen Suchmaschinen wie Google Scholar oder PubMed – zweitergiebigste Weg um schnell, kostenfrei und ohne den Umweg über eine Bibliothek an wissenschaftliche Veröffentlichungen und Fachliteratur zu gelangen. Wer bei etwa bei Academia nach Themen wie „light pollution“ oder „knowledge management“ sucht, findet schon fast so viele Paper wie bei der Suche über Google Scholar – und hat über die Profile der Uploader sogar die Möglichkeit, direkt mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch zu kommen.

Mendeley

Über 170.000 Mitglieder folgen auf Academia dem Schlagwort „Knowledge Management“ – und werden damit automatisch über jede neu eingestellte Publikation zum Thema informiert.

Allein schon der guten bis sehr guten Recherchemöglichkeiten wegen lohnt sich also der Einstieg in akademische Netzwerke – auch dann, wenn man als Studierender selbst meist noch keine eigenen Uploads beizutragen hat. In den meisten Netzwerken können inzwischen aber auch schon Foliensätze, Seminararbeiten oder Vorlesungsmitschriften in eigenen Kategorien hochgeladen werden, so dass man sich – wenn man dies möchte – auch als Studierender schon mit eigenem Material beteiligen kann. Der eine oder andere Student (oder auch Lehrende) wird für eine gute Mitschrift sicher dankbar sein.

Auf einen eingangs bereits angesprochenen Punkt – die „Graue Literatur“ – sei abschließend noch einmal gesondert hingewiesen. Hierbei handelt es sich nicht um peer-reviewte Publikationen in Zeitschriften oder Tagungsbänden, sondern um sonstigen, nicht peer-reviewten „Output“, der im Rahmen von Forschungsprojekten entstehen kann: Projektberichte an den Mittelgeber, Handbücher, Gutachten, Datensätze, Programmcode und andere Dokumente, die man über gängige akademische Suchmaschinen eher selten findet, die aber auch und gerade für Studierende, die sich in ein Themenfeld einarbeiten wollen, von großem Nutzen sein können.

Man kann seine Professorinnen und Professoren unaufdringlich besser kennenlernen

Facebook, Twitter & Co. können – richtig eingesetzt – geeignete Instrumente für die wissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit sein. In erster Linie sind und bleiben sie aber natürlich persönliche Netzwerke und werden von den meisten Forscherinnen und Forschern wie auch von den meisten Studierenden genau so genutzt. Nicht jeder Professor möchte daher mit seinen Studierenden auf Facebook „befreundet“ sein – und nicht jeder Studierende mit seinen Professoren. Akademische Netzwerke bieten beiden Seiten die Möglichkeit, sich auf eine Art und Weise miteinander zu vernetzen, die auf die akademische Ebene beschränkt bleibt – private Inhalte wie etwa Urlaubsfotos sind hier schlicht tabu. Wer also als Studierender „auf dem Laufenden“ darüber bleiben will, was sich in Fachbereichen, an Lehrstühlen oder in An-Instituten so alles tut (neue Veröffentlichungen, neue Projekte, neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter…), ohne sich dafür gleich auf der privaten Ebene miteinander zu vernetzen, ist bei ResearchGate & Co. an der richtigen Adresse.

ResearchGate

Blick auf ein Mitgliederprofil bei ResearchGate mit Zugriff auf Publikationen, Zitationen und Projekte.

Man findet leichter Themen und Betreuer für eigene Arbeiten und Projekte

Die Kenntnis darüber, an was die eigenen Professorinnen und Professoren außerhalb der Lehre forschen, kann im Studium in vielerlei Hinsicht von Nutzen sein. Vielleicht findet man über die Profile ja den perfekten Erst- oder Zweitbetreuer für das obskure Herzensthema der eigenen Bachelor- oder Masterarbeit – oder stößt beim Surfen überhaupt erst auf ein spannendes Nischenthema, das man bisher noch gar nicht im Visier hatte. Vielleicht arbeitet man auch bereits fleißig an einer Seminar- oder Abschlussarbeit und findet auf der Suche nach themenrelevanten Publikationen noch einen Experten bzw. eine Expertin zum Thema, der oder die so freundlich ist, einem Studierenden mit ein paar guten Tipps unter die Arme zu greifen. Ein besonders interessantes Feature hierzu bietet übrigens ResearchGate: Hier kann man eine Fachfrage sozusagen „in die Runde werfen“, mit entsprechenden Schlagworten versehen und somit potentiell alle Netzwerknutzerinnen und -nutzer ansprechen, die sich für die jeweiligen Themen besonders interessieren. Intelligent gestellte Fragen werden nicht selten von dutzenden Usern weltweit beantwortet – eine tolle Möglichkeit, wertvolle Anregungen für die eigenen Projekte zu sammeln oder Kontakt zu Expertinnen und Experten zu knüpfen.

Scheffe

Meine Frage zum Scheffé-Test bei ResearchGate wurde binnen kurzer Zeit von fast 400 Leuten gelesen – und schnell beantwortet.

Natürlich findet man in jedem Netzwerk stets nur einen Bruchteil der eigenen Hochschulangehörigen oder Expertinnen und Experten zu einem bestimmten Thema – in der Natur der Sache liegt aber, dass dies meist auch der kommunikativste und an elektronischem Austausch interessierteste Bruchteil ist, so dass ein höfliches „Anklopfen“ in der Regel nicht abschlägig beantwortet wird. Wer übrigens Angst hat, bei der Kontaktaufnahme eventuell nicht den richtigen Ton zu treffen, findet in diesem Artikel wertvolle Hinweise – auch wenn man in einem sozialen Netzwerk durchaus einen informelleren Tonfall anschlagen darf, als in einer persönlichen E-Mail.

Fazit: Lohnt sich der Einstieg in akademische Netzwerke?

Angesichts der zahlreichen Vorteile, die einem die (fast immer kostenlose) Mitgliedschaft bietet, lässt sich die Frage mit einem klaren Ja beantworten – natürlich immer vorausgesetzt, man investiert am Ende nicht zu viel Zeit in die Pflege der diversen Profile. Bei welchem Netzwerk man sich anmelden sollte, hängt letztendlich von den eigenen Interessen ab: Möchte man sich vor allem mit Leuten an der eigenen Hochschule vernetzen, sollte man idealerweise dasjenige Netzwerk wählen, in dem sich die meisten entsprechenden Userinnen und User finden. Für die Hochschule Harz ist dies beispielsweise ResearchGate mit 124 Profilen – in Academia finden sich dagegen deutlich weniger (52), in Mendeley sogar fast keine (< 10) registrierten Nutzer mit entsprechender Hochschulzugehörigkeit. Interessiert man sich dagegen für ein bestimmtes Themengebiet, macht es wiederum Sinn, vor einer Anmeldung zu recherchieren, in welchen Netzwerken bekannte Forscherinnen und Forscher aktiv sind oder wo sich größere themenbezogene Diskussionsforen gebildet haben. Nicht zuletzt ist die Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Netzwerk auch eine des persönlichen Geschmacks im Hinblick auf Design, User Interface und Usability der jeweiligen Oberflächen – mir gefallen beispielsweise die aufgeräumten und geradlinigen Oberflächen von ResearchGate und Mendeley deutlich besser als das eher verworrene und mit Optionen überhäufte Interface von Academia. Wer an Vernetzung interessiert ist, sollte sich die gängigen Seiten also einfach mal genauer ansehen und den für sich optimalen Einstiegspunkt bestimmen.

Viewer

Im Dokumentenviewer von Mendeley lassen sich Publikationen – hier eine zu unserem Projekt „Silver Clips“ – nicht nur lesen, sondern auch kommentieren, markieren und mehr.

Für Forscherinnen und Forscher bieten akademische Netzwerke übrigens noch eine ganze Reihe weiterer Vorteile: Die eigenen Publikationen werden breiter wahrgenommen, sind über akademische Suchmaschinen wie Google Scholar leichter auffindbar und werden daher auch häufiger zitiert, man hat schneller und einfacher Zugriff auf themenrelevante Publikationen Dritter, kann leichter Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen knüpfen, die an gleichen oder ähnlichen Fragen forschen, ist im Hinblick auf die eigenen Forschungsthemen besser „up to date“ (wobei diesbezüglich auch die themenbezogenen Benachrichtigungen bei Google Scholar sehr zu empfehlen sind) und kann sogar eigene virtuelle Arbeitskreise gründen und pflegen, um Themen oder Projektideen kollaborativ voranzubringen.

Welche akademischen Social Networks gibt es noch?

Labroots
Academia
ResearchGate
My Science Work
I am Researcher
Mendeley
Zotero

Haben wir noch ein interessantes Netzwerk vergessen? Ergänzungen bitte in den Kommentaren!

Vernetzt euch mit uns: In welchen Netzwerken sind die Thurm-Autoren aktiv?

– Prof. Dr. Uwe Manschwetus: ResearchGate
– Thomas Karolczak: ResearchGate
– Christian Reinboth: ResearchGate | Academia | Mendeley

Autor:

Christian Reinboth

Christian Reinboth ist Wirtschaftsinformatiker und einer der Mit-Gründer der HarzOptics GmbH, einem An-Institut der Hochschule Harz. Die Entwicklung und Planung umweltfreundlicher Beleuchtung sowie die statistische Datenanalyse sind wesentliche Schwerpunkte seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

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