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Welche Schriftart für eine wissenschaftliche Arbeit?

Hartmut Pietsch

Wer häufig Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Dissertationen in Deutschland liest – das typografische Bild ist zum Erbarmen. Immer dasselbe Layout, immer dieselben Schriften. Die Ursache ist natürlich, dass dies in den entsprechenden Leitfäden und Vorschriften der Lehrstühle so vorgeschrieben ist. Selten oder nie wird gefragt, selten wird begründet, warum diese Setzungen erfolgt sind. Und wenn schon der Professor nicht den geringsten typografischen Ehrgeiz entwickelt: Der Student ist eher froh über klare Anweisungen, riskiert nur selten, gegen diese typografische Wüste einen eigenen Akzent zu setzen.

Als ob wir aus der 500-jährigen Tradition des Buchdrucks nicht schon ein paar Hinweise darauf haben, welche Schriften sich für welche Zwecke besonders eignen. Wir finden das ewige Einerlei der Schriftarten von „Times New Roman“ und „Arial“ – entweder allein oder in der Kombination „Arial“ als Überschrift und „Times New Roman“ als Fließtext – nicht nur landauf/landab in Deutschland, sondern auch international: Ob in Kanada, den USA, England, Spanien oder Dänemark. In den entsprechenden Leitfäden der Universitäten werden die Schriften „Times New Roman“ (häufiger) und „Arial“ manchmal vorgeschrieben, fast immer aber empfehlend genannt, z. B.: „10-point Arial or 12-point Times New Roman are the preferred fonts; however, any legible serif or sans-serif standard font may be used“ (Columbia University New York). Allenfalls finden wir Formulierungen, dass neben diesen Schriften andere ähnliche – „gut lesbare“ oder „für akademische Papiere angemessene“ – in Betracht gezogen werden könnten.

Woher diese Vorliebe? Eine Untersuchung hat 1997 am Beispiel der Universität Bern gezeigt, wie sich bei wissenschaftlichen Arbeiten zwischen 1982 (fast 100 % Schreibmaschine) und 1995 (100 % Textverarbeitung am Computer) der Abschied von der Schreibmaschine vollzog. Und sie zeigt, welche Schriftarten sich schon damals mit dem Übergang zur Textverarbeitung am Computer durchsetzten: Mit großem Vorsprung „Times New Roman“, dann „Courier“, „Arial“ und „Computer Modern“ (für die „TeX-“ und „LaTeX-Gemeinde“). Mit dem Vordringen des Windows-Betriebssystems und des dominierenden Textverarbeitungssystems Microsoft Word fanden zunehmend die mitgelieferten voreingestellten Standardschriften Verwendung, vor allem nach dem Übergang zu den frei skalierbaren True-Type-Schriften, den WYSIWYG-Textverarbeitungsprogrammen (Ausdruck wie Bildschirmdarstellung) und den entsprechenden Druckern. Hier liegt auch die Ursache für das Verschwinden der nichtproportionalen Schriftart Courier (alle Buchstaben sind gleich breit) aus der Verwendung in wissenschaftlichen Arbeiten – das Druckbild sah im Vergleich nicht mehr sehr attraktiv aus.
Und so ist die Erklärung für die Dominanz der Schriftarten Times New Roman und Arial bei akademischen Arbeiten denn auch denkbar trivial: Es waren die ersten mit Windows/Word mitgelieferten kostenlosen und überall verfügbaren Standardschriften und sie setzten sich durch, weil dies am einfachsten und billigsten war.

Dabei reibt sich die typografische Front seit langem an diesen Schriften. Während die Schrift „Times New Roman“ noch eher glimpflich wegkommt („Die Schriftart zählt heute zu den bekanntesten und meistverwendeten der Welt. Und genau deshalb wird sie von Designern auch verschmäht.“ ( SPIEGEL ONLINE, 26.09.2015) – „Times New Roman ist wie ein alter Pulli.“ ( Süddeutsche Zeitung 19.10.2015) – „Using Times New Roman is the typeface equivalent of wearing sweat pants to an interview.“ (Bloomberg-News 27.04.2015) ) und man meist rügt, dass diese Schrift abgebraucht sei und die Verwendung eben zeige, dass keinerlei typografischer Sachverstand oder Ehrgeiz zu erkennen sei, ist die Abneigung gegen „Arial“ ausgeprägter:

„Die Arial wirkt als Textschrift viel zu kräftig, der Grauwert ist zu dunkel. Eine unausgeglichene Laufweite, also die Proportionen und der Abstand zwischen den Zeichen, gibt der Arial ein unruhiges Bild. Der Kontrast, also das Verhältnis von Senkrechten und Waagrechten, lässt sie deftig und statisch erscheinen. Besonders hässlich sind die angeschärften Endstriche bei a, e, s und t. Die Proportionen und die Form des t sind eine Zumutung und das a sieht wie nach einem Hagelschlag verformt aus. Die geschlossenen Buchstabenformen von a und s zum Beispiel gebend er Arial ein ältliches Aussehen. Die Arial ist weder als Textschrift noch als Headlineschrift zu empfehlen, da fehlt einiges an Klasse.“ (Ralf Turtschi, Arial: ein Nekrolog, Publisher 2005).

Angesichts dieser doch nicht nur in typografischen Fachkreisen verbreiteten Diskussion über Rang und Stellenwert dieser beiden Brotschriften verwundert es dennoch, wie wenig über Alternativen für die Schriftwahl in akademischen Arbeiten nachgedacht wird. Und man muss schon suchen, bevor man dieses Thema mal einigermaßen kompetent im Netz angesprochen findet.

Immerhin, wenn auch selten: Manchmal sucht ein Student nach einer geeigneten Schrift, dann gibt es eine kleine (aber, was Kriterien anlangt, nicht sehr weiterführende) Diskussion im Netz.
Deshalb sollen an dieser Stelle einige Vorschläge für die Wahl von Schriften für akademische Arbeiten gemacht werden. Sie lehnen sich an diskutierte Vorschläge an, stellen aber gewiss eine auch persönliche Auswahl dar.Fontsbeispiele

Zur Beurteilung dieser Schriften sind sie hier als Bild eingestellt. Wichtig: Das Druckbild ist nur im Ausdruck, nicht am Bildschirm richtig zu beurteilen. Um die Schriften also richtig einschätzen zu können, drucken Sie hier eine PDF-Datei aus.

Die hier ausgewählten Schriften sind verbreitete meist gut zugängliche Schriften. Sie sind dennoch nicht auf allen Computern installiert, müssen bei Gebrauch also erst zusätzlich installiert werden. In der kommerziellen Verwendung sind einige Schriften freigegeben, bei anderen sind die Rechte der Vertreiber zu beachten.

Soll man die Schriftauswahl für akademische Arbeiten, wie man oft liest, auf allgemein verfügbare Schriften beschränken? Das erscheint eher als eine unnötige Einschränkung. Die Endfassung einer akademischen Arbeit wird heute fast durchweg als PDF-Datei transportiert, die auch auf unterschiedlichen Druckern im End-Layout gleich ausgedruckt werden kann. Es ist deshalb nicht notwendig, dass die eingebetteten Schriften auch auf der Leser-Seite installiert sind. Und auch die als Datei überlassenen Arbeiten bei der Abgabe der Pflichtexemplare einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit werden durchweg im PDF-Format archiviert.

Für die Vorschläge oben sind Schriftenpaare ausgewählt worden. In der Regel eignen sich die Sans-Serif-Schriften (ohne „Füßchen“) für die Überschriften, aber eher nicht für die Fließtexte. Umgekehrt kann das anders sein. Es ist schließlich nicht ausgeschlossen, eine akademische Abschlussarbeit in nur einem Schrifttyp zu gestalten. Dann aber geht der dringende Rat dahin, sich für eine Serifen-Schrift zu entscheiden.

Wenn also nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form einer akademischen Abschlussarbeit für den Verfasser sprechen soll: Mehr Mut zur Layout-Gestaltung!

Autor:

Hartmut Pietsch

Dr. Hartmut Pietsch, Studium Geschichte, Germanistik und Sozialwissenschaften, ist Geschäftsführer des „Korrekturbüros Ruhr“, Lektorat und Korrektorat. ( s. auch http://lektorat-korrekturlesen.de/schriftart-fuer-bachelorarbeit/)

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo,

    schöne kurze Übersicht! Das sollte ich auch mal ausformulieren 🙂
    Ich stelle mir bei der Arbeit als Lektor gern diverse Schriftarten ein; bei Ein-Schriftart-Dateien geht das ja locker hin und her.

    Hatte gestern mal wieder eine Autorin, die unbedingt Times New Roman behalten will – als Teil ihrer ‚Identität‘ in der Belletristik … sie wollte nicht mal schauen, was es noch kostenfrei gibt.
    Kennen Sie die Vollkorn? Auf jeden Fall eine Abwechslung.

    Unter anderem wegen IPA könnte man noch gut Gentium u.a. vom SIL erwähnen. Der Umfang ‚fremder‘ Schriften ist sonst für mich das eine Argument pro Arial (Unicode).

    Und bei Palatino hat sich ein o eingeschlichen.

    Antworten

  2. Eine äußerst lesenswerte Übersicht. Die beiden besonders empfohlenen Schriftarten Linux Biolinum und Libertine waren mir – offen gestanden – noch gar nicht bekannt. Werden beim nächsten längeren Dokument auf jeden Fall getestet.

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