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Bauchgefühl erwünscht – aber welches?

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Jeder erfolgreiche TV-Kommissar kommt dem Täter hier und da durch sein Bauchgefühl auf die Schliche, und auch im realen Leben wird „Kopfmenschen“ wie Managern in Seminaren immer öfter nahegelegt, auf ihre Bauchgefühle zu hören. Doch wenn das nur so einfach wäre…

Gibt es ein falsches Bauchgefühl?

Dirk nahm an einer meiner mehrjährigen Arbeitsgruppen zur bewussten Persönlichkeitsentwicklung teil. Stolz berichtete er bei einem Treffen, dass ihm in einem Seminar für Führungskräfte der Wert von Bauchgefühlen klar geworden sei und dass er schon gleich danach ganz aus dem Bauch heraus eine wichtige Entscheidung getroffen habe: Er hatte spontan den Firmenanteil seines Partners aufgekauft, als ihre gemeinsame Firma in die Insolvenz zu steuern drohte. Es fühlte sich für ihn „richtig toll“ an, und er begann begeistert, große Pläne zu schmieden.

Ein halbes Jahr später gestand Dirk zerknirscht, dass auch sein Ansatz gescheitert war, und damit saß er nun auf einem Haufen Schulden – allein. Verzweifelt fragte er sich (und uns), was mit seinem Bauchgefühl nicht gestimmt hatte.

Was bei Dirk, ganz abgesehen von wirtschaftlichen Unwägbarkeiten, dahintersteckte, lohnt sich genauer anzusehen: War er da etwa nicht dem „richtigen“ Bauchgefühl gefolgt? Doch gibt es darin Unterschiede, und wenn ja, auf welche Art von Bauchgefühl sollten wir hören?

Es grummelt viel in unseren Bäuchen…

Was bei Empfehlungen zu „Bauchentscheidungen“ oft nicht klar genug wird, ist die Frage, was genau damit gemeint ist. Denn wohl niemand wird dafür plädieren, aus einer oberflächlichen Emotion heraus zu handeln – aber ist das immer so offensichtlich?

Paula gibt uns da ein gut nachzuvollziehendes Beispiel. Sie hat mächtig Wut im Bauch: Ständig fordert ihr Chef weitere Überstunden, obwohl sie längst an ihre Belastungsgrenze gekommen ist.

Bauchgefühl Ärger
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Im Gespräch mit ihrem Mann legt sich Paulas Wut etwas, und seine Fragen führen sie auf eine tiefere, differenziertere Gefühlsebene: Ist sie enttäuscht, weil der Chef ihren Einsatz nicht würdigt? Hat sie Angst um ihren Arbeitsplatz, wenn sie die Überstunden ablehnt? Fühlt sie sich ohnmächtig, weil ihre Argumente den Chef nicht erreichen?

Hier wird Paula schon deutlicher, um was es ihr eigentlich geht.

Und wenn sie die Situation noch tiefer durchdringt, erkennt sie vielleicht hinter ihrem Wunsch nach mehr Anerkennung ein mangelndes Selbstwertgefühl, hinter der Angst um den Arbeitsplatz die Einsicht, dass sie sich beruflich nicht mehr ausreichend weitergebildet hat, oder hinter ihrer Hilflosigkeit im Gespräch mit dem Chef eine gesunde Wahrnehmung dafür, dass er tatsächlich nicht zuhört. Nicht aus der Wut heraus, sondern erst, indem tiefere Gefühle genauer angeschaut werden, erschließt sich dann die jeweilige Konsequenz: Am Selbstwertgefühl kann sie mit privater oder professioneller Unterstützung arbeiten, der Angst um den Arbeitsplatz kann sie durch eine Berufsberatung entgegentreten, und wenn der Chef nicht auf sie eingeht, könnte sie den Betriebsrat um Hilfe bitten.

Gespür als Leitinstanz

Paula tut also etwas sehr Sinnvolles: Sie folgt nicht ungezielt dem emotionalen Impuls, aus dem heraus sie vielleicht unbedacht gekündigt hätte, sondern spricht mit jemandem darüber. In der Resonanz eines (konstruktiven) Gespräches gelingt es leichter, eigenen Gefühlen nachzugehen und damit der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Und dann stellt sich heraus, dass die sich durchaus auch in Gefühlen ausdrückt, aber nicht in aufwallenden Emotionen oder flüchtigen Stimmungen, sondern in einem eher leisen Empfinden, dem Gespür. Dieses Gespür ist eine unserer verlässlichsten Leitinstanzen.

Bauchgefühl auf der Spur
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Um diese tiefste Gefühlsebene zu ergründen, bleiben Paula und ihr Mann nicht im alleinigen Fühlen: Indem sie darüber reden, beziehen sie das Denken mit ein. Und zwar eine Qualität des Denkens, die sich in bewussten Denkprozessen wiederfindet – was beim Denken keineswegs selbstverständlich ist (mehr dazu in einem weiteren Beitrag). Vermutlich hätte es ihr auch schon geholfen, allein über ihre Gefühle nachzudenken, doch Einsichten erschließen sich einfacher, wenn ein Außenstehender mit auf das Thema schaut.

Und schließlich ein letzter Schritt: Paula ist bereit, etwas zu verändern. Sie ist bereit, nicht bei der Wut stehenzubleiben, sondern erst nach tieferem Nachspüren und Nachdenken zu handeln. So ist es letztlich erst das Zusammenwirken von vier Komponenten, das sie zur richtigen Erkenntnis und damit zu authentischem Handeln führt: Fühlen, Denken, Kommunikation und Veränderungsbereitschaft.

Authentische Selbst-Entwicklung

Das kluge Zusammenspiel dieser vier Fähigkeiten, über die jeder Mensch verfügt, ist der Schlüssel zu authentischer Selbsterkenntnis und Selbst-Entwicklung. Es braucht nicht mehr, aber auch nicht weniger als dieses Quartett, das ich in seiner Gesamtheit als „Tiefgangprinzip“ bezeichne. Wer das im Blick behält, hat klare Orientierungsmarken an der Hand, um in unterschiedlichsten Situation stimmig zu entscheiden.

Zurück zu Dirk – was war da schiefgegangen?

Dirk war begeistert von dem Rat, ganz seinem Bauchgefühl zu folgen. Euphorisch (also mit einer heftigen Emotion) übertrug er das auf seine Idee, die Firma allein weiterzuführen. In Selbstreflexion und im Gespräch mit der Gruppe erinnerte er sich im Nachhinein, dass er tief in seinem Innersten von Anbeginn gespürt hatte, damit keine kluge Entscheidung zu treffen, aber die intensiveren Emotionen machten die leiseren Stimmen mundtot.

Vereinzelte Bedenken, die sich hin und wieder zu Wort meldeten, schob Dirk schnell beiseite mit dem Hinweis, er müsse endlich mal auf sein Bauchgefühl hören. Gerade deshalb sprach er vor der Entscheidung mit niemandem darüber, denn er befürchtete, andere könnten versuchen, sie ihm auszureden. So blieb es ihm versagt, überhaupt unterschiedliche Gefühlsaspekte wahrzunehmen, und so rannte er mit offenen Augen in seinen wirtschaftlichen Ruin.

Dem Bauchgefühl durch Gespräche auf die Spur kommen

Aber das war zum Glück nicht das Ende: Dirks Veränderungsbereitschaft lag darin, durch Gespräche in der Gruppe aus seinem Crash zu lernen, und so verstand er allmählich, was falsch gelaufen war und wie er seinem wahren „Bauchgefühl“ auf die Spur kommt, nämlich indem Denken und Kommunikation mit beteiligt werden. Mehr und mehr übernahm er die Elemente des Tiefgangprinzips in sein tägliches Handeln, beruflich wie privat. Auf dieser Basis begann er nach einiger Zeit Verhandlungen mit seinen Gläubigern, fand Unterstützung auf seiner finanziellen Durststrecke und orientierte sich beruflich um: Er machte eine Ausbildung zum Coach, wobei ihm und seinen Klienten seine persönlichen Erfahrungen sehr zugute kamen; seit Jahren arbeitet er nun schon mit großem Erfolg für Firmen als kompetenter Krisenberater.

Wenn Sie neugierig sind auf das Tiefgangprinzip, finden Sie Anregungen, Hintergründe und konkrete Umsetzungsmöglichkeiten in den beiden Büchern „Das Tiefgangprinzip – einfacher zum Wesentlichen“ und „Das Tiefgangprinzip in der therapeutischen Begleitung“, oder einen ersten Überblick unter www.das-tiefgangprinzip.com.

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Autor:

Christa Keding

Dr. Christa Keding führte als Allgemeinärztin mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung seit den 1980er Jahren eine Landpraxis. Unzufrieden mit oft lebenslangen Symptombehandlungen, suchte sie nach tiefer gehenden Ansätzen. Eine Grundlage dazu fand sie in der analytischen Kinesiologie, mit der sie sich wegen einiger umstrittenen Aspekte etliche Jahre kritisch auseinandersetzte. Sie bildete darin Ärzte, Heilpraktiker und Psychotherapeuten in Kursen und Individualunterricht aus und veröffentlichte zu dem Thema mehrere Bücher. Ihr Hauptinteresse liegt darin, essenzielle Zusammenhänge zu unterschiedlichen Lebensthemen zu verstehen und verständlich zu vermitteln.

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