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Hinweisschilder auf Autobahnkirchen in Deutschland

Während der Fahrt auf einer deutschen Autobahn werden Pausen an Tankstellen, Raststätten und Autohöfen, in naheliegende Städten und Gemeinden sowie deren Sehenswürdigkeiten gemacht.

Eine Pause ist jedoch auch an Autobahnkirchen möglich. Reisende werden hier eingeladen, zur Ruhe zu kommen, sich zu erholen und zu besinnen. Anfang 2020 gab es 44 derartiger Gotteshäuser, die entlang der deutschen Autobahnen zu finden sind (19 evangelische, acht katholische und 17 ökumenisch ausgerichtete Autobahnkirche). Die meisten Autobahnkirchen gibt es in den südlichen und westlichen Bundesländern. Im nördlichen Niedersachsen, in Schleswig-Holstein, Bremen und Hamburg gibt es kein als Autobahnkirche ausgewiesenes Gotteshaus. Eine Karte mit allen Standorten findet sich hier.

Autobahnkirchen sind eine deutsche Erfindung, wobei im Jahre 1958 bei Adelsried an der A 8 zwischen München und Stuttgart die erste explizit als Autobahnkirche ausgewiesene Kirche „Maria, Schutz der Reisenden“ erbaut wurde (vgl. Harmsen 2018). Auch in anderen europäischen Ländern gibt es Autobahnkirchen, so bspw. in Italien, Österreich und Tschechien. Dort soll es jedoch nur jeweils eine einstellige Anzahl an Autobahnkirchen geben, so dass sie scheinbar nicht dieselbe Bedeutung wie in Deutschland haben. In der Schweiz soll die erste Autobahnkirche an der A13 in Andeer (Kanton Graubünden) entstehen. Die Interessengemeinschaft „Autobahnkirche Andeer – Val Schons“ arbeitet hierfür mit dem renommierten Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron zusammen und möchte den Rohbau bis Ende 2022 fertiggestellt haben (vgl. o.V. 2020).

“Galluskapelle Winterberg”, Leutkirch im Allgäu (Foto: Georg Zimmer)

Kriterien für Autobahnkirchen

Seitens der Konferenz der Autobahnkirchen in Deutschland wurden acht Kriterien für Autobahnkirchen festgelegt, die rechtlich nicht bindend sind. Daher gibt es auch Autobahnkirchen, die einzelne Kriterien nicht erfüllen.

  1. Die Kirche muss direkte Anbindung an eine Autobahnraststätte bzw. Autobahnabfahrt haben, wobei im letzteren Fall die Entfernung nicht mehr als 1.000 m betragen darf. Zusätzlich muss die Zustimmung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur gegeben sein. Da eine Autobahnkirche zusätzlichen Verkehr, teilweise sogar Schwerverkehr, mit sich bringt, ist eine Lage innerorts nicht empfehlenswert.
  2. Die Entfernung zwischen zwei Autobahnkirchen an derselben Autobahn sollte mindestens 80 km betragen.
  3. Parkplätze und sanitäre Anlagen müssen vorhanden sein.
  4. Die Autobahnmeisterei muss eine Beschilderung sicherstellen.
  5. Die Zustimmung der zuständigen Gemeinde und der Diözese bzw. Landeskirche muss gegeben sein.
  6. Der Träger muss bereit und in der Lage sein, Mindestöffnungszeiten von 8.00 bis 20.00 Uhr täglich zu gewährleisten sowie die zusätzlichen Kosten für Energie und Sauberhaltung aufzubringen.
  7. Die Deklaration einer Autobahnkirche muss auf Dauer erfolgen.
  8. Der Innenraum einer Autobahnkirche oder -kapelle sollte so groß sein, dass auch einer Bus-Reisegruppe der gemeinsame Besuch möglich ist.
Innenraum der “Galluskapelle Winterberg”, Leutkirch im Allgäu (Foto: Georg Zimmer)

Die Akademie des Versicherers im Raum der Kirchen – sie sorgt seit den 1990er Jahren für die Vernetzung der Kirchen und Kapellen an den Autobahnen und richtet deren jährliche Konferenz aus – spricht davon, dass jedes Jahr ca. 1 Mio. Menschen eine der 44 deutschen Autobahnkirchen besuchen. Die Spannbreite der Besucheranzahl reicht dabei von ca. 2.000 in der Dorfkirche von Werbellin (Brandenburg) bis zu mehr als 200.000 in der St. Christophoruskirche am Rasthof Baden-Baden (Baden-Württemberg). Darüber hinaus hat eine Befragung von Besuchern in Autobahnkirchen aus dem Jahre 2007 ergeben, dass Verheiratete mit Kindern öfter in derartige Gotteshäuser gehen als Ledige und Katholiken häufiger als Protestanten. Zu erwähnen ist weiterhin, dass zwei von fünf Besuchenden sonst wenig Beziehung zur Kirche haben (vgl. Ebertz/Werner 2007).

Wahrnehmung der Hinweisschilder auf Autobahnkirchen

Bisher ist nicht bekannt, ob und wieweit die Hinweisschilder auf die Autobahnkirchen an den deutschen Autobahnen wahrgenommen werden. Im Rahmen einer Teilstudie zur Bedeutung der touristischen Unterrichtungstafeln an Autobahnen wurde eine Online-Befragung durchgeführt. Hierin wurden auch drei Fragen zu den Autobahnkirchen integriert.

Insgesamt 1.100 Probanden haben einen 41 Fragen umfassenden Online-Fragebogen ausgefüllt. Gemäß der Verteilung aus dem Quotenplan wurde eine Zufallsstichprobe aus dem deutschen Online-Panel der respondi AG gezogen, in dem sich Mitte 2019 ca. 100.000 Personen befanden. Die Stichprobe ist – unter den im Exkurs beschriebenen Einschränkungen einer quotierten Online-Stichprobe – repräsentativ (Konfidenzniveau: 95%, Fehlerspanne: 3%) für die deutschen Internetnutzer, denen ein PKW im Haushalt zur Verfügung steht (n = 1.100). Als Merkmale für die Konstruktion der Stichprobe wurden das Alter, das Geschlecht sowie die Herkunft (nach Nielsen-Regionen) verwendet. Zur Grundgesamtheit wurden deutschsprachige, in Privathaushalten lebende Internetnutzer zwischen 18 und 75 Jahren gezählt, die einen Pkw und/oder Motorrad und/oder Wohnmobil regelmäßig oder gelegentlich privat verwenden oder Beifahrer sind und in den letzten zwölf Monaten auf bundesdeutschen Autobahnen unterwegs waren.

Hinweisschild auf Autobahnkirchen (Quelle: Gemeinfrei nach § 5 Abs 1 UrhG)

Ergebnisse einer Online-Befragung

Die Schilder, die auf Autobahnkirchen hinweisen, sind den meisten Befragten bekannt, wie aus nachfolgender Tabelle zu ersehen – die Probanden geben eher „habe ich bereits gesehen“ als „sehe ich regelmäßig“ an. Etwas mehr als jeder Vierte gibt jedoch an, dass derartige Schilder noch nicht gesehen wurden und weitere 7% antworten mit „weiß nicht“.

Tabelle: Bekanntheit der Schilder, die auf Autobahnkirchen hinweisen (gestützt)

Bekanntheit der Hinweisschilder auf Autobahnkirchen in Prozent
Ja, habe ich bereits gesehen 56,1%
Ja, sehe ich regelmäßig 10,5%
Nein, habe ich noch nicht gesehen 26,5%
Weiß nicht 7,0%

Quelle: eigene Erhebung (n = 1.100)

Diejenigen, die die Schilder kennen, wurden gefragt, ob sie auch schon einmal eine Autobahnkirche aufgrund eines Hinweisschildes aufgesucht haben. Während jeder Achte dies bejaht (12,4%), geben nahezu neun von zehn Probanden (87,3%) an, dass sie noch nie eine Autobahnkirche aufgrund eines Hinweisschildes aufgesucht haben – 0,3% geben „weiß nicht“ an.

Für fast zwei Drittel (63,9%) derjenigen, die eine Autobahnkirche bereits einmal aufgrund eines Hinweisschildes aufgesucht haben, liegt der Besuch mehr als zwölf Monate zurück, wie folgender Tabelle zu entnehmen ist. Mehr als 1/3 hat jedoch auch innerhalb der letzten zwölf Monate eine Autobahnkirche besucht, wobei der Großteil hiervon einmal ein derartiges Gotteshaus aufgesucht hat.

Tabelle: Besuch einer Autobahnkirche innerhalb der letzten zwölf Monate

Besuch einer Autobahnkirche in Prozent
kein Besuch 63,9%
ein Besuch 25,2%
zwei und mehr Besuche 11,0%

Quelle: eigene Erhebung (n = 147)

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Hinweisschilder auf die Autobahnkirchen eine Wirkung haben und zu einem spontanen Besuch von Kirchen entlang der deutschen Autobahnen beitragen. Hiermit können die Ergebnisse der oben genannten Befragung gestützt werden, die besagen, dass für mehr als die Hälfte der Befragten, v.a. für Berufsreisende (61%) und für Urlauber (66%), der Halt an einer Autobahnkirche eher ungeplant ist.

Einschränkend ist jedoch hinzuzufügen, dass eine alleinige Nutzung eines Autobahnkirchen-Piktogramms auch negative Wirkungen haben kann, wie das Beispiel Exter zeigt: Die Autobahnkirche Exter an der A2 hatte eigene blaue Schilder mit der Aufschrift „Autobahnkirche Exter“. Im Zuge von Baumaßnahmen wurden die Schilder abgebaut und nach Abschluss der Arbeiten durch neue Schilder ersetzt. Auf den Abfahrtsschildern steht nun „Vlotho-West“ und nicht mehr „Exter“ – auch die namentliche Nennung der Autobahnkirche Exter ist verschwunden. Es gibt nur noch ein Autobahnkirchen-Piktogramm. Nach Aussagen des örtlichen Pfarrers ist seitdem die Besucherzahl um ca. ein Drittel zurückgegangen (vgl. Krause 2020).

Literatur:

Ebertz, M.N./Werner, B. (2007): Spurwechsel: Gott auf der Autobahn – Ergebnisse einer Befragung von Autobahnkirchenbesuchern, Freiburg

Harmsen, R.C. (2018): Historischer Rückblick – Die Geschichte der Autobahnkirchen in Deutschland, in: Sonntagsblatt 3600 Evangelisch, Download am 11.03.2020 von https://www.sonntagsblatt.de/artikel/psychologie-ratgeber/die-geschichte-der-autobahnkirchen-deutschland

Krause, B. (2020): Schriftliche Auskunft von Frau Birgit Krause, Ansprechpartnerin für Autobahn- und Radwegekirchen bei der Versicherer im Raum der Kirchen Akademie GmbH, Kassel

o.V. (2020): Erste Autobahnkirche soll an der A13 stehen, Download am 16.03.2020 von https://www.bluewin.ch/de/news/schweiz/erste-autobahnkirche-soll-an-der-a13-stehen-359504.html

Buchtipp:

Leitschuh, M.C./Lehner, G. (2008): Autobahnkirchen in Deutschland: Ein himmlischer Routenplaner, Herder Verlag GmbH, Freiburg

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Dr. Sven Groß ist seit 2005 Professor für Management von Verkehrsträgern an der Hochschule Harz. Seine Forschungsschwerpunkte sind Tourismus und Verkehr, Travel Management, Abenteuertourismus sowie touristische Marktforschung. In diesen Themenfeldern hat er fast 100 Beiträge publiziert. Zusammen mit seiner Frau Prof. Dr. Matilde S. Groß ist er Betreiber des Informationsportals www.tourismusundverkehr.de. Dort steht u. a. eine umfangreiche Sammlung an Informationsquellen in den Themenfeldern Tourismus und Verkehr zur Verfügung.

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