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Touristische Unterrichtungstafeln an Autobahnen in Deutschland

Wie im ersten Beitrag zum Thema „Touristische Beschilderung auf Autobahnen“ geschrieben, fanden im Sommer 2019 verschiedene Untersuchungen statt. Ziel war es herauszufinden, inwiefern die touristischen Unterrichtungstafeln an Autobahnen zur Steuerung von Besuchern eignen, ob sie wahrgenommen und erinnert werden sowie ob sie das Entscheidungsverhalten beeinflussen.

Drei Teilstudien zur Wahrnehmung und Erinnerung der touristischen Unterrichtungstafeln auf Autobahnen und die Beeinflussung der Reiseentscheidung

Diesen Zielen wurde sich mit drei verschiedenen methodischen Zugängen genähert. Zum einem wurden Leitfadeninterviews und Erinnerungstests durchgeführt und zum anderen eine Befragung mit Hilfe eines Online-Panels. Die ersten zwei Studien waren hauptsächlich qualitativ ausgerichtet und wurden als Grundlage für die quantitative Hauptuntersuchung genutzt. Die Untersuchungsergebnisse wurden in eigenen Artikeln aufbereitet und werden in Fachzeitschriften veröffentlicht. Eine Langfassung mit allen Ergebnissen der drei methodischen Zugänge wird Anfang 2020 im UVK-Verlag zur Verfügung stehen.

  • Groß, S./Felser, G.: Touristische Beschilderung – Wahrnehmung und Erinnerung der touristischen Unterrichtungstafeln an deutschen Autobahnen, in: Zeitschrift für Tourismuswissenschaft (akzeptiert, geplante Veröffentlichung Anfang 2020)
  • Gross, S./Huber, D.: Tourist information boards on motorways – perceptions, memory effects and decision support (eingereicht)
  • Groß, S./Reinboth, C.: Touristische Beschilderung an deutschen Autobahnen – Bedeutung der touristischen Unterrichtungstafeln, in: Internationales Verkehrswesen 04/2019, S. 40-45
Unterrichtungstafel für Bad Soden-Salmünster
Foto: Peter Wolff

Anzahl an touristischen Unterrichtungstafeln in Deutschland

Zunächst wurde jedoch recherchiert, wie viele touristische Unterrichtungstafeln es in Deutschland insgesamt gibt. Im Gegensatz zu sonstigen Verwaltungsangelegenheiten der Bundeautobahnen sind die Genehmigung und (kartographische) Erfassung der touristischen Unterrichtungstafeln an Autobahnen Ländersache. Da die Zuständigkeit bei den jeweiligen Bundesländern liegt, gibt es kein zentrales Register aller in Deutschland aufgestellten Schilder (vgl. Groß 2017, S. 464). Daher wurden alle für den Straßenverkehr zuständigen obersten Länderbehörden kontaktiert und um die Übermittlung der Anzahl der touristischen Unterrichtungstafeln, deren Standorte und genauen Bezeichnungen usw. gebeten. Auf Basis der zur Verfügung gestellten Informationen, die sehr unterschiedlich ausfielen, wurde die nachfolgende Tabelle erstellt.

Gab es anfangs noch vergleichsweise wenige dieser Schilder auf den deutschen Autobahnen (und Bundesstraßen), so haben diese in den letzten Jahren zugenommen – v.a. nach einer Überarbeitung der „Richtlinie zur touristischen Beschilderung” (RtB) im Jahre 2008. Während es 2004 in Deutschland 622 touristische Unterrichtungstafeln gab (vgl. Bade 2006, S. 131), sind es im Jahre 2019 mindestens 2.919 dieser Schilder. Somit hat es innerhalb von 15 Jahren nahezu eine Verfünffachung gegeben. Insbesondere Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen stechen mit jeweils mehr als 300 Unterrichtungstafeln hervor (vgl. Tabelle).

Tabelle: Anzahl der touristischen Unterrichtungstafeln (auf Autobahnen) nach Bundesland

BundeslandAnzahl touristischer UnterrichtungstafelnBundeslandAnzahl touristischer Unterrichtungstafeln
Baden-Württemberg282 (2017)Bayern316 (12/2018)
Berlin1 (05/2019)Bremen20 (o.J.)
Brandenburg> 200 (05/2019)Hamburg15 (o.J.)
Hessen202 (12/2018)Niedersachsen247 (12/2018)
Nordrhein-Westfalen340 (02/2018)Mecklenburg-Vorpommern195 (12/2018)
Rheinland-Pfalz213 (12/2018)Saarland60 (02/2019)
Sachsen309 (05/2019)Sachsen-Anhalt149 (05/2019)
Schleswig-Holstein117 (o.J.)Thüringen226 (03/2019)
   Gesamt2.919

Quelle: eigene Zusammenstellung in Anlehnung an die schriftlichen Auskünfte der für den Straßenverkehr zuständigen obersten Länderbehörden

Leitfadeninterviews und Erinnerungstests

Wie zuvor aufgezeigt, werden in den letzten Jahren immer mehr touristische Unterrichtungstafeln auf deutschen Autobahnen aufgestellt. Diese sollen laut der RtB zur Unterrichtung über touristisch bedeutsame Ziele dienen und eine hinweisende Funktion haben. Ob sie jedoch tatsächlich von den Autofahrern wahrgenommen werden und ob sich die Autofahrer an diese Schilder und die darauf abgebildeten Sehenswürdigkeiten, Städte und Landschaften erinnern können, wurde bisher nicht wissenschaftlich untersucht. Daher wurde mit 29 Probanden zunächst ein ca. 10- bis 15-minütiges Leitfadeninterview und daran anschließend ein Erinnerungstest mit 25 dieser Probanden durchgeführt. Die Probanden sollten sich an die Unterrichtungstafeln auf ihrer Anreise nach Wernigerode erinnern. Mit den erzielten Ergebnissen können erstmals Hinweise auf die zuvor aufgestellten Fragen gegeben werden.

Nahezu alle der 29 Probanden nehmen die touristischen Unterrichtungstafeln auf den deutschen Autobahnen wahr – nur fünf Probanden sagen explizit nein, selten oder eher nein. Im Leitfadeninterview wurden die Teilnehmer gebeten, Beispiele für Unterrichtungstafeln (freies Erinnern; unabhängig von der speziellen Anreisestrecke nach Wernigerode) zu nennen. Auch hier können nahezu alle Probanden Beispiele nennen.

Hinweis auf den Wilseder Berg
Foto: Peter Wolff

In einem Rekognitionstest gibt es zwei Formen richtiger Antworten: Der korrekt wiedererkannte Reiz („Treffer“) und die korrekte Zurückweisung eines Distraktors (vgl. Gerrig 2018, S. 133f.). Dementsprechend geben die richtigen Angaben, im Sinne von „Treffern“ und „korrekter Zurückweisung“, erste Hinweise auf die Erinnerungsleistung der Probanden. Hier zeigt sich, dass die meisten Probanden mehr als die Hälfte richtige Angaben tätigen – zwei Probanden erkennen jedoch auch weniger als die Hälfte richtig. Es zeigt sich auch, dass bei der Gruppe der Pendler im Durchschnitt etwas höhere richtige Angaben zu verzeichnen sind (71,08% zu 65,97%).

Es sind jedoch auch immer zwei Fehler denkbar: Entweder ein Reiz, der zuvor nicht präsentiert wurde, wird fälschlicherweise „wiedererkannt“ („falscher Alarm“), oder ein tatsächlich präsentierter wird nicht gesehen (Auslassungsfehler). Ein Ergebnis aus dem Rekognitionstest ist nur aussagekräftig, wenn es diese verschiedenen Ereignisse berücksichtigt. Dies leistet bspw. der sog. d‘-Wert. Hierzu werden die falschen Alarme von den Treffern abgezogen. Auf diese Weise betont das Maß eine Diskriminationsleistung, nämlich die Fähigkeit, gesehene bzw. bekannte von neuen, unbekannten Unterrichtungstafeln zu unterscheiden. Näheres zur Auswertung der d‘-Werte und weitere Analysen finden sich bei Groß/Felser (2020, im Druck; siehe oben).

Methodik der Online-Befragung

Insgesamt 1.100 Probanden haben einen 41 Fragen umfassenden Online-Fragebogen ausgefüllt. Gemäß der Verteilung aus dem Quotenplan wurde eine Zufallsstichprobe aus dem deutschen Online-Panel der respondi AG gezogen, in dem sich Mitte 2019 ca. 100.000 Personen befanden.

Die Stichprobe ist – unter den im Exkurs beschriebenen Einschränkungen einer quotierten Online-Stichprobe – repräsentativ (Konfidenzniveau: 95%, Fehlerspanne: 3%) für die deutschen Internetnutzer, denen ein PKW im Haushalt zur Verfügung steht (n = 1.100). Als Merkmale für die Konstruktion der Stichprobe wurden das Alter, das Geschlecht sowie die Herkunft (nach Nielsen-Regionen) verwendet. Zur Grundgesamtheit wurden deutschsprachige, in Privathaushalten lebende Internetnutzer zwischen 18 und 75 Jahren gezählt, die einen Pkw und/oder Motorrad und/oder Wohnmobil regelmäßig oder gelegentlich privat verwenden oder Beifahrer sind und in den letzten zwölf Monaten auf bundesdeutschen Autobahnen unterwegs waren.

Der Fragebogen besteht aus sieben Teilen. Im ersten Teil wurden Screening- und Demographie-Fragen gestellt, so dass die vorgesehene Quotierung kontrolliert werden konnte und nur Probanden in die eigentliche Befragung aufgenommen wurden, die auch zur Grundgesamtheit gehören. Im zweiten bis fünften Teil ging es um die inhaltlichen Themenfelder Wahrnehmung, Erinnerung, Verhalten, Zufriedenheit und zukünftige Entwicklung. In einem Sonderfrageteil ging es um die Wahrnehmung des Hinweisschildes auf Autobahnkirchen sowie die hiermit verbundene Entscheidungsunterstützung. Im letzten Teil ging es um die Fahrleistung und das -verhalten der Probanden.

Hinweis auf Schloss und Wasserburg in Friedewald
Foto: Peter Wolff

Exkurs:

Bei einer derartigen Quotenstichprobe wird versucht, eine Repräsentativität herzustellen, indem man die Stichprobe so konstruiert, dass sie, bekannte Merkmalsverteilungen in der Grundgesamtheit korrekt abbildet. Die grundlegende Annahme ist, dass eine Stichprobe, die bekannte Merkmalsverteilungen im korrekten Verhältnis widergibt, auch für unbekannte Merkmalsverteilungen repräsentativ sein sollte. Diese Annahme ist in der wissenschaftlichen Diskussion umstritten. Da nur Personen mit Internetzugang an der Befragung teilnehmen konnten und hiervon wiederum nur Personen, die Mitglieder des Panels sind, könnten bestimmte Einkommensschichten, Berufsgruppen o.ä. über- oder unterrepräsentiert sein.

Als wesentliches Argument für die Repräsentativität und Anwendbarkeit solcher Stichproben wird angeführt, dass sie sich in der Praxis vielfach bewiesen haben und wirtschaftlicher und schneller als Zufallsauswahlen sind. Im vorliegenden Fall musste auf eine quotierte Stichprobe zurückgegriffen werden, da kein vollständiges Verzeichnis der Grundgesamtheit existiert, das für die Realisation einer echten repräsentativen Zufallsauswahl zur Verfügung gestanden hätte. Weitere Nachteile solcher quotierter Auswahlen sind in der Literatur beschrieben, wie etwa der Effekt der Selbstselektion bei der Zusammenstellung des Panels und der Paneleffekt.

Ausgewählte Ergebnisse der Online-Befragung

Zwei von drei Personen (66,4%) geben an, dass sie sich an touristische Unterrichtungstafeln und die darauf abgebildeten Sehenswürdigkeiten, Städte oder Landschaften erinnern können. Etwas mehr brauchen etwas länger zum Nachdenken (43,3%), aber fast jedem Vierten (23,1%) fallen sofort Beispiele ein.

Die Mehrheit derjenigen, die sich generell an touristische Unterrichtungstafel erinnern können, kann sich – nach eigener Aussage – an zwei bis drei Schilder erinnern (59,6%). Jeder fünfte kann sich noch an vier bis fünf Schilder erinnern (20,8%). Die höchsten beiden Klassen (6 bis 10 Schilder und mehr als 10 Schilder) werden dagegen nur von wenigen Personen angegeben (vgl. Tabelle).

Tabelle: Anzahl der erinnerten touristischen Unterrichtungstafeln

Anzahl an Unterrichtungstafeln in Prozent
1 Schild 15,3%
2-3 Schilder 59,6%
4-5 Schilder 20,8%
6 bis 10 Schilder 2,7%
mehr als 10 Schilder 1,5%

Quelle: eigene Erhebung (n = 730)

Viele Akteure aus Städten, Landkreisen, (Tourismus-)Marketingorganisationen usw. wünschen sich, dass mit Hilfe der touristischen Unterrichtungstafeln mehr Besucher die jeweiligen PoI aufsuchen. Daher ist von Interesse zu wissen, wie viele Deutsche bereits spontan von der Autobahn abgefahren sind, um die abgebildete Sehenswürdigkeit, Stadt oder Landschaft zu besuchen, wie viele dies im Nachhinein gemacht haben und wie viele dies zukünftig vor haben. Aber auch weitere hiermit verbundene Aspekte, wie z.B. die Häufigkeit dieser Nutzung oder die in Kaufgenommene Fahrdauer, sind von Relevanz.

Fast jeder sechste Befragte (17,1%) ist bereits mindestens einmal aufgrund einer touristischen Unterrichtungstafel spontan von einer Autobahn abgefahren, um die abgebildete Sehenswürdigkeit, Stadt oder Landschaft zu besuchen. Der Großteil der Befragten hat (auch) innerhalb des letzten Jahres einen spontanen Besuch durchgeführt (87,2%). Im Umkehrschluss geben 12,8% an, zwar bereits irgendwann einmal einen spontanen Besuch eines abgebildeten PoI durchgeführt zu haben, aber nicht innerhalb der letzten zwölf Monate (vgl. Tabelle). Ein (42,0%) oder zwei (23,9%) spontane Besuche fanden innerhalb der letzten zwölf Monate am häufigsten statt. Im Durchschnitt wurde 1,9 Mal (Standardabweichung 2,2; bereinigt um einen Ausreißer) ein abgebildeter PoI aufgesucht – somit sind pro Person wenige Besuche pro Jahr festzuhalten.

Tabelle: Anzahl der spontanen Besuche innerhalb der letzten zwölf Monate

Anzahl der spontanen Besuche in Prozent
kein Besuch 12,8%
ein Besuch 42,0%
zwei Besuche 23,9%
drei Besuche 9,6%
vier und mehr Besuche 11,7%

Quelle: eigene Erhebung (n = 188)

Die weiteren Ergebnisse der Online-Befragung können im Beitrag „Touristische Beschilderung an deutschen Autobahnen – Bedeutung der touristischen Unterrichtungstafeln“ (Internationales Verkehrswesen; siehe oben) und ab 2020 in der Langfassung beim UVK-Verlag nachgelesen werden.

Erlebnis Guide Baden-Württemberg

Letztlich sei noch ein Projekt erwähnt, welches vor kurzem „Marktreife“ erlangt hat. Im September 2019 wurde von der Firma MAQNIFY eine neue App für Android und iOS präsentiert. Mit diesem Audio-Guide können u.a. Audio-Beiträge zu allen touristischen Unterrichtungstafeln (zunächst ausschließlich) in Baden-Württemberg abgerufen (in deutscher und englischer Sprache) und weiterführende Links und Informationen empfangen werden sowie eine Navigation zum Ziel erfolgen. Der Geschäftsführer von MAQNIFY, Dominik Fischer, hat die Projektidee (bisher) in ca. 70 Kommunen persönlich vorgestellt. Das als Pilotprojekt entlang der A5 in Baden-Württemberg geplante Projekt wurde aufgrund des Interesses auf Gesamt-Baden-Württemberg ausgedehnt.

Die jeweiligen Kommunen, Unternehmen, Organisationen usw., die für eine touristische Unterrichtungstafel an der Autobahn verantwortlich zeichnen, finanzieren dieses Projekt. Diese sog. Premium-Partner erhalten ca. eine Minute Audio-Zeit zur Vorstellung ihrer Destination und einen Detaileintrag mit Bildern, Links und weiterführenden Texten. Hiermit erhalten die Nutzer Hintergrundinformationen zu den ausgewiesenen PoI und werden eingeladen, das jeweilige Ziel zu besuchen. Alle anderen Unterrichtungstafeln sind mit einem Basis-Eintrag von ca. 10-15 Sekunden Länge aufgenommen, haben jedoch keinen Detaileintrag.

Quellen

Bade, M. (2006): Marketing entlang der Autobahn, in: Heinritz, G./Lentz, S./Tzschaschel, S. (Hg.): Nationalatlas Deutschland – Leben in Deutschland (Band 12), Leipzig, S. 130-131.

Gerrig, R.J. (2018): Psychologie, 21. Auflage, Hallbergmoos.

Groß, S. (2017): Handbuch Tourismus und Verkehr – Verkehrsunternehmen, Strategien und Konzepte, 2. Auflage, Konstanz/München.

Autor:

Sven Groß

Dr. Sven Groß ist seit 2005 Professor für Management von Verkehrsträgern an der Hochschule Harz. Seine Forschungsschwerpunkte sind Tourismus und Verkehr, Travel Management, Abenteuertourismus sowie touristische Marktforschung. In diesen Themenfeldern hat er fast 100 Beiträge publiziert. Zusammen mit seiner Frau Prof. Dr. Matilde S. Groß ist er Betreiber des Informationsportals www.tourismusundverkehr.de. Dort steht u. a. eine umfangreiche Sammlung an Informationsquellen in den Themenfeldern Tourismus und Verkehr zur Verfügung.

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