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Vorlesungen auf YouTube – fünf interdisziplinäre Empfehlungen

Mit der steigenden Popularität der sogenannten MOOCs (Massive Open Online Courses – zumeist kostenfreie Online-Vorlesungsreihen für eine theoretisch unbegrenzte Anzahl von Zuhörer/innen) hat die Menge der im Internet frei verfügbaren Videoaufzeichnungen von Vorlesungen stark zugenommen. Auch außerhalb der Strukturen von MOOCs finden sich allerdings schon seit Langem zahlreiche qualitativ hochwertige Vorlesungsaufzeichnungen auf Videoplattformen wie YouTube. Fünf – wenigstens aus meiner subjektiven Sicht – besonders sehenswerte Vorlesungsreihen sollen nachfolgend kurz vorgestellt werden und – hoffentlich – Lust darauf machen, sich auf YouTube einmal nach spannenden Vorlesungen zum eigenen Studienthema umzusehen.

Justice: What’s the Right Thing To Do?
Dozent: Prof. Dr. Michael Sandel
Hochschule: Harvard University

Die erste Online-Vorlesungsaufzeichnung, die ich mir je vollständig (etwa 12 Stunden) angesehen habe, ist der Kurs „Justice: What’s the Right Thing To Do?“ des US-Philosophen Michael Sandel, der 2009 für ein MOOC auf der Plattform edX aufgenommen wurde. Die Vorlesung, die sich den Facetten des Gerechtigkeitsbegriffs widmet, begeistert schon in den ersten Minuten: Sollte der Fahrer eines außer Kontrolle geratenen Zuges den Tod einer Person in Kauf nehmen, um fünf Leben zu retten? Und falls ja – warum sollte ein Mediziner, der einen gesunden Menschen töten müsste, um fünf Erkrankte zu heilen, nicht ebenso handeln? Ein enorm fesselnder Kurs, von dem man sich – ähnlich wie von einem guten Buch – am Abend kaum noch losreißen kann.

Stochastik für Lehramtsstudierende
Dozent: Tobias Hell PhD
Hochschule: LFU Innsbruck

Als gelegentlicher Lehrbeauftragter der Hochschule Harz für Fächer wie SPSS, Statistik, Datenanalyse und Marktforschung, habe ich mir schon etliche ähnliche Vorlesungen von Kolleginnen und Kollegen bei YouTube und auf anderen Plattformen angesehen. Einer der besten Videokanäle, den ich zu diesem Thema empfehlen kann, ist der YouTube-Kanal von Tobias Hell, Dozent an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. In diesem Kanal finden sich Vorlesungsreihen zur Analytik, zur Statistik und zur Stochastik, wobei einige der Videos leider unter der manchmal suboptimalen Tonqualität leiden. Akustisch am verständlichsten ist dabei die Einführung in die Stochastik für Lehramtsstudierende: Von der klassischen Wahrscheinlichkeitsdefinition nach Pierre de Laplace über die Axiome von Kolmogorow, die Mengenlehre und den Satz von Bayes bis hin zu Erwartungswert und Varianz von Zufallsvariablen, werden alle wichtigen Themenfelder berührt, die in eine Stochastik-Einführung – nicht nur für Lehramtsstudierende – gehören.

Einführung in die Kunstgeschichte
Dozentin: Prof. Dr. Daniela Hammer-Tugendhat
Hochschule: Universität für angewandte Kunst in Wien

Der sympathische österreichische Akzent von Herrn Heller zeichnet auch die Vorlesungen von Prof. Dr. Daniela Hammer-Tugendhat von der Universität für angewandte Kunst in Wien aus. Wer – wie ich als „MINTler“ – nie das Glück hatte, eine klassische kunstgeschichtliche Vorlesung besuchen zu dürfen, sich aber dennoch für Kunst und Kunstgeschichte begeistern kann, sollte unbedingt einen Blick in diese 23-teilige Vorlesungsreihe aus dem Jahr 2013 werfen, in deren Rahmen Hammer-Tugendhat der spannenden Frage nachgeht, wie Kunst in den verschiedenen gesellschaftlichen Epochen der Menschheitsgeschichte praktiziert, definiert und rezipiert wurde. Von der Entstehung der „Urkunst“ in den Höhlengemälden der Steinzeit über die Kunst der Antike, des Mittelalters und der Renaissance bis zur Kunst des 20. Jahrhunderts, wird eine Vielzahl faszinierender Künstlerinnen und Künstler, Kunstwerke und kunsthistroischer Streitfragen betrachtet. Dass die Dozentin als eine der führenden Expertinnen auf dem Gebiet der feministischen Kunstgeschichtsschreibung auch den oft vernachlässigten Einfluss weiblicher Künstlerinnen über die Jahrhunderte aufgreift, macht diese Vorlesung umso hörenswerter.

Frühpädagogik
Dozenten: Verschiedene
Hochschule: Nds. Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung

Auf die nachfolgend verlinkte Vorlesungsreihe – die als einzige der hier vorgestellten Reihen nicht von einer Hochschule, sondern von einer außeruniversitären Forschungseinrichtung stammt – wurde ich durch meine Frau aufmerksam, die sich als Erzieherin auch nach zehn Jahren im Berufsleben immer wieder mit neuen frühpädagogischen Konzepten auseinandersetzen darf (und will). In der (nach wie vor fortgesetzten) Reihe „Vorlesung im Schloss“ des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Erziehung greifen wechselnde Dozentinnen und Dozenten verschiedener Hochschulen – darunter ausgewiesene Koryphäen wie der Familienforscher Prof. Dr. Dr. Hartmut Kasten von der Ludwig-Maximilians-Universität München – immer wieder andere Themen wie beispielsweise die Erarbeitung von Bildungsplänen für die Kindertagesbetreuung, die Bedeutung von sozialen Interaktionen für erste Lernvorgänge, die Zusammensetzung der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik oder auch die Mediennutzung in der Frühpädagogik auf. Eine interessante Vorlesungsreihe auch für alle Nicht-Pädagogen, die sich – etwa in ihrer Rolle als Eltern – mit frühpädagogischen Grundlagen beschäftigen möchten.

Einführung in die Pharmakologie
Dozent: Prof. Dr. med. Christian F. Mang
Hochschule: Johannes Gutenberg Universität Mainz

Die pharmakologische Vorlesungsreihe von Prof. Dr. Christian Mang von der Universität Mainz beginnt mit einem kontroversen Aufmacher, der bei YouTube bereits für zahlreiche Klicks (und Kommentare) gesorgt hat: Einer kritischen – aber dennoch ausgewogen-fairen – Betrachtung der Homöopathie aus der Perspektive eines evidenzbasiert arbeitenden Mediziners. Die insgesamt 32 Vorlesungen aus 2014 widmen sich aber hauptsächlich der Zusammensetzung und den Wirkmechanismen von Beta-Blockern, Antibiotika, Muskelrelaxantia, Narkotika, Antiepileptika und zahlreichen weiteren Medikamentenarten. Darüber hinaus wird eine mehrere Vorlesungen umfassende Einführung in den Aufbau und in die Funktionsweise des menschlichen Zentralnervensystems gegeben. Für angehende Mediziner/innen oder auch auf spezielle Medikamente angewiesene Betroffene in jedem Fall einen Klick wert.

Fazit: Auf Video-Plattformen wie YouTube finden sich mittlerweile zahlreiche Einzelvorlesungen und auch ganze Vorlesungsreihen – teilweise mit 20 bis 30 Stunden Gesamtdauer – von höchster Qualität. Egal, ob man sich als Fernstudierende/r zusätzlich weiterbilden oder als Student/in im grundständigen Studium neben den Vorlesungen vor Ort auch einmal die Perspektive einer/s anderen Lehrenden kennenlernen möchte – der Blick auf YouTube lohnt sich eigentlich in beinahe jedem Themenfeld. Vorsicht sollte man allerdings bei Kurzvideos walten lassen, die vorgeben, hochkomplexe Sachverhalte innerhalb von fünf oder zehn Minuten begreiflich machen zu können – hier werden oft lediglich einige hilfreiche „Eselsbrücken“, nicht aber vertiefende Kenntnisse vermittelt.

Autor:

Christian Reinboth

Christian Reinboth ist Wirtschaftsinformatiker und einer der Mit-Gründer der HarzOptics GmbH, einem An-Institut der Hochschule Harz. Die Entwicklung und Planung umweltfreundlicher Beleuchtung sowie die statistische Datenanalyse sind wesentliche Schwerpunkte seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich bin ein sehr großer Freund von Vorlesungsreihen auf YT. Anders als bei traditionellen Vorlesung kann man sich Themen selbst einteilen, um Bekanntes zu überspringen und mehr Zeit für Neues zu haben. Die Vorteile liegen auf der Hand; klare Empfehlung für diesen spannenden Beitrag! Danke.

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  2. Danke für die Sammlung und Kommentierung. Habe mir gleich mal den Einführungsvortrag des Pharmakologen Prof. Mang angesehen. Wirklich sehr, sehr gut.

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    • Christian Reinboth

      @Marc: Mir hat bei Prof. Mang insbesondere sein pragmatischer Homöopathie-Vortrag in der ersten Vorlesung gefallen – so bin ich auf die Reihe überhaupt erst aufmerksam geworden. Die Kombination, dass ein Mediziner den Wirkmechanismus selbst für unbrauchbar hält, die Mittel aber des Placebo-Effekts wegen nutzt, ist durchaus spannend und dürfte in der Praxis ja vermutlich nicht mal selten sein – öffentlich hört man meist ja aber nur entweder von den „Gläubigen“ oder von den Totalverweigerern. Wenn Du mal einen freien Abend haben solltest, schau ruhig auch mal bei Sandel rein – klasse.

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  3. … ihr seid so klug!
    ist das ansteckend?

    ei ei ei, ein anti-intellektueller Rechter beginnt sich zu bilden.

    Was dabei wohl raus kommt?

    Haltet die Ohren steif und den Rest lasst locker!

    Tom die Warze

    Antworten

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