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Plagiate, Schnecken und die Harvard-Zitierweise

Bei keiner Zitierweise sind so viele Halbwahrheiten und Missverständnisse im Umlauf wie bei der Harvard-Methode. Was ist die Harvard Zitierweise eigentlich genau? Darf man sie überhaupt in wissenschaftlichen Arbeiten benutzen? Und wer hat sie erfunden? Was hat die Harvard-Methode mit Schnecken zu tun? Der folgende Beitrag klärt auf.

Der Fall Chatzimarkakis

Der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn kassierte im Jahr 2011 den Doktortitel des FDP Europaabgeordneten Jorgo Chatzimarkakis. Seine Dissertation ist in weiten Teilen ein Plagiat. Über 70% seines Textes soll aus fremden Quellen stammen, ohne dass diese gekennzeichnet wären (siehe Bild 1).

Bild 1

Bild 1: Plagiatsfunde in der Dissertation von Jorgo Chatzimarkakis

Seine Arbeit trägt den Titel „Informationeller Globalismus: Kooperationsmodell globaler Ordnungspolitik am Beispiel des Elektronischen Geschäftsverkehrs“ und kann im Internet im Volltext heruntergeladen werden. Chatzimarkakis verteidigte sich mit der von ihm verwendeten Zitierweise. Er sprach zuerst von der Harvard- und dann von der Oxford-Zitierweise, die er verwendet hätte und die zu den Irritationen führten. Dies griff der FDP-Delegationsleiter im Europaparlament, Alexander Graf Lambsdorff, auf und bedauerte die Entscheidung der Bonner Universität. Mit den Worten: „Offenbar haben unzureichende Zitiermethoden zu diesem Schritt geführt“ nahm er seinen Parteikollegen in Schutz.

Also war die Zitierweise schuld? Nein! Der FDP-Mann hat einfach abgeschrieben und Zitate nicht als solche kenntlich gemacht. Diese Auffassung vertritt auch das Verwaltungsgericht Köln und schmetterte seine Klage gegen die Universität Bonn ab. Wunderbar bringt es auch Anatol Stefanowitsch auf den Punkt, indem er Chatzimarkakis bescheinigt, nicht die Harvard Zitierweise, sondern die „Alcatraz-Zitierweise“ benutzt zu haben.

Was ist denn die Harvard-Zitierweise eigentlich?

Die Harvard Methode ist ein so genannter „Citation Style“, d. h. ein Regelwerk, in dem festgelegt ist, wie zitiert werden soll. Der Harvard-Stil ist der Inbegriff der angloamerikanischen Technik des Kurzbeleges, bei der der Autorenname, das Erscheinungsjahr und die Seitenzahl des zitierten Werkes von runden Klammern eingeschlossen, im Fließtext direkt hinter das Zitat positioniert werden (siehe Bild 2). Über diese Angaben kann die Quelle mit sämtlichen bibliografischen Angaben im Literaturverzeichnis identifiziert werden. Im Literaturverzeichnis sind alle zitierten Quellen alphabetisch sortiert. Wörtliche Zitate sind mit Anführungszeichen und Umschreibungen mit der Abkürzung „vgl.“ kenntlich zu machen.

Bild 2

Bild 2: Zitieren nach der Harvard-Methode

In Band 7 „Quellen richtig zitieren“ der Reihe KLEINE ONLINE-BIBLIOTHEK DES WISSENSCHAFTLICHEN ARBEITENS erklären wir die Methode ausführlich.

Darf die Harvard-Zitierweise in wissenschaftlichen Arbeiten verwendet werden?

Die Harvard-Zitierweise darf selbstverständlich in wissenschaftlichen Texten verwendet werden, weil sie alle Anforderungen an wissenschaftliches Arbeiten erfüllt. Sie ist praktikabel und setzt sich daher immer mehr durch. Gleichwohl mögen sie einige Professoren nicht. Sie hängen an der traditionellen Zitierweise mit Vollbelegen, bei der sämtliche bibliografische Angaben der genutzten Quelle in der Fußnote aufgeführt sind. In seinem Leitfaden für Wissenschaftliche Arbeiten schreibt Rossig im Hinblick auf Kurzbelege im Text:

„Außer dem verkürzten und wenig aussagenden Quellenhinweis wird hier zu Gunsten einer alleinigen (minimalen) Arbeitsersparnis des Verfassers auch noch das Lesen des Textes und das Zuordnen der Quellen unnötig erschwert. Der Lesefluss wird laufend unterbrochen und massiv gestört durch (Quellen-)Informationen, die weder zum textlichen Inhalt noch zum gedanklichen Verständnis gehören. [ … ] Diese Zitierweise soll daher – trotz leider zunehmender allgemeiner Verbreitung – erst recht nicht in wissenschaftlichen Arbeiten gewählt werden.“[1]

„Die“ Harvard-Zitierweise gibt es nicht

Die Anfrage eines Studierenden an das Support Team des Literaturverwaltungsprogramms Citavi ist typisch für die Verwirrung rund um den Harvard Style:

„Sehr geehrtes Citavi-Team,
ich habe ein Problem, wie es hier schon öfter aufgetaucht und genannt wurde: Angeblich soll ich für meine Bachelor-Thesis nach dem Harvard-Style zitieren. Leider decken sich die Vorgaben nicht mit dem Harvard Style und auch mit keinem der anderen Stile, die sonst bei ähnlichen Fragen empfohlen wurden.“

Das Problem besteht darin, dass es „den“ Harvard-Style gar nicht gibt. Das betont auch der Mitarbeiter von Citavi in seiner Antwort. Er verweist auf derzeit 121 deutschsprachige Zitationsstile in Citavi 4, die sich auf die Harvard-Methode berufen. Auch im Internet finden sich viele Anleitungen, wie nach Harvard zu zitieren sei. So z. B. eine sehr ausführliche und empfehlenswerte Anleitung der Anglia Ruskin University.

Wer hat die Harvard-Zitierweise erfunden?

Aufgrund des Namens liegt die Vermutung nahe, dass die Harvard University diesen Stil entwickelt hat und ihn pflegt. In vielen Schriften wird dies auch explizit oder implizit so formuliert. Die Harvard-University hat damit aber weniger zu tun, als allgemein angenommen. Aufklärung liefert ein Artikel des British Medical Journal aus dem Jahre 1988[2]. Dieser Quelle zufolge  schrieb im Jahr 1881 ein gewisser Edward Laurens Mark, Direktor der zoologischen Forschungsabteilung an der Harvard Universität, einen Artikel über Schnecken mit dem Titel „Maturation, fecundation, and segmentation of Limax campestris“. Hier wurde zum ersten Mal nachweislich die Kurzzitierweise im Text benutzt (siehe Bild 3).

Bild 3

Bild 3: Erstmalige Verwendung der Kurzzitierweise im Text

Wer den Namen „Harvard-System“ eingeführt hat, ist unklar. Es wird vermutet, dass ein englischer Besucher der Bibliothek der Harvard Universität diesen Zitierstil bemerkte und ihn nach seiner Rückkehr nach England als Harvard Style bezeichnete:

„The origin of the phrase ‘Harvard system’ remains unexplained. According to an editorial note in the British Medical Journal in 1945, the expression was ‘not introduced by Harvard University. It is believed that an English visitor to the library of Harvard University was impressed by the system of bibliographical reference in use there, and dubbed it the ‚Harvard system‘ on return to England.’”[3]

Fazit:

Ein allgemeingültiger Harvard-Referenzstil existiert nicht. Die Harvard-Methode steht für das Zitieren im Text im Sinne eines Kurzbeleges (Autor, Jahr, Seitenzahl). Richtig angewandt entspricht die Harvard Methode wissenschaftlichen Anforderungen und ist in vielen Wissenschaftsdisziplinen anerkannter Standard. „Richtig angewandt“ bedeutet z. B., dass Zitate kenntlich gemacht werden müssen, denn es „gibt auf der ganzen weiten Welt keine Zitierweise, bei der man auf eine Kennzeichnung des Zitats (inklusive Zitatanfang und Zitatende) verzichten darf. Gibt es nicht. Nirgends. Hat es auch nie gegeben. Wirklich nicht.“[4]

 

 

[1] Rossig, Wolfram E. (2011): Wissenschaftliche Arbeiten. Leitfaden für Haus- und Seminararbeiten, Bachelor- und Masterthesis, Diplom- und Magisterarbeiten, Dissertationen. 9. Auflage. Achim: BerlinDruck, S. 161.

[2] Vgl. Chernin, Eli (1988). „The ‚Harvard system‘: a mystery dispelled“, British Medical Journal. October 22, 1988, S. 1062–1063.

[3] Ebd. S. 1062

[4] Stefanowitsch, Anatol (2011):  Chatzimarkakis und die „Harvard-Zitierweise“. Online: https://deplagio.wordpress.com/2011/07/03/chatzimarkakis-und-die-%E2%80%9Eharvard-zitierweise%E2%80%9C/

 

Autor:

Prof. Dr. Uwe Manschwetus hat seit 1997 eine Professur für Marketing-Management an der Hochschule Harz. Wissenschaftliches Arbeiten und Digitales Marketing sind zwei Schwerpunkte seiner Arbeit.

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