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Schnell-Lesen lernen

„Die guten Leutchen wissen nicht, was es einem für Zeit und Mühe gekostet, um lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht und kann noch jetzt nicht sagen, dass ich am Ziele wäre.“ Dieses Zitat stammt von keinem Geringeren als Goethe und bringt zum Ausdruck, dass sich Lesefähigkeiten durch Übung verbessern lassen. Gilt dies auch für die Lesegeschwindigkeit? Gerade im Studium wäre es von großem Vorteil, in kürzerer Zeit mehr Informationen aufnehmen zu können. In diesem Text gehen wir der Frage nach, ob und wie Schnell-Lesen gelernt werden kann. Schließlich gilt: Wer lesen kann ist klar im Vorteil!

Lesen ist nicht gleich lesen

Texte können auf verschiedene Art und Weise gelesen werden. Brink (2013, S. 35f.) unterscheidet fünf verschiedene Lesetechniken:

  1. Suchendes Lesen (Scanning)
    Der Text wird mit größtmöglicher Lesegeschwindigkeit nach bestimmten Keywords durchsucht (gescannt).
  2. Kursorisches Lesen (Skimming)
    Flüchtiges Überfliegen des Textes ohne auf Einzelheiten zu achten.
  3. Analytisch-kritisches Lesen
    Intensive Bearbeitung eines Textes, um ihn zu verstehen.
  4. Selektives Lesen
    Lesen des Textes unter einem bestimmten Blickwinkel.
  5. Kreatives Lesen
    Lesen, um Anregungen und Ideen zu erhalten.

Schnell-Lesen ist nicht gleichbedeutend mit Scanning oder Skimming, bei denen ein Verzicht auf Einzelheiten des Textes intendiert ist. Das Ziel des Spead-Readings besteht vielmehr darin, einen Text weitgehend ohne Informationsverlust in möglichst kurzer Zeit zur Kenntnis zu nehmen. Gleichwohl ist es in der Praxis nicht einfach, die Lesetechniken voneinander zu unterscheiden. Die Grenzen sind fließend und während des Lesens kann es auch zu einem Wechsel der Techniken kommen.

Geschwindigkeit ist nicht alles

Wenn ein Student für einen wissenschaftlichen Fachaufsatz dank des Spead-Readings statt 10 Minuten nur 5 Minuten brauchen würde, aber nur die die Hälfte verstanden hätte, was wäre dann gewonnen? Tatsächlich gibt es Stimmen in der Wissenschaft, die einen linearen Zusammenhang zwischen Leseverständnis und Lesegeschwindigkeit postulieren (vgl. Musch und Rösler 2011, S. 95). Demnach würden wir proportional umso weniger verstehen, je schneller wir lesen und ein echter Nutzengewinn durch Schnell-Lesen wäre nicht möglich. Ist es wirklich so?

Was sagt die Wissenschaft?

Die Lesegeschwindigkeit wird in Wörtern pro Minute (wpm) gemessen. Dies ist relativ einfach möglich. Viel schwieriger ist das Leseverständnis zu erfassen. Musch und Rösler (2011) haben über 100 Studien zum Schnell-Lesen ausgewertet und zweifeln aufgrund methodischer Defizite an den Ergebnissen:

„Die Frage, ob normale Leser durch Schnell-Lese-Trainings zu außergewöhnlichen Schnell-Lesern geschult werden können, kann mit den bislang vorgestellten Untersuchungen nicht positiv beantwortet werden. Die vorliegenden bestätigenden Berichte sind wegen methodischer Mängel nur schwer oder gar nicht interpretierbar“ (ebd., S. 104).

Im Umkehrschluss wurde die Wirkungslosigkeit von Lesetrainings aber auch nicht festgestellt. Es erscheint aus meiner Sicht logisch, dass durch Übung und Training menschliche Fähigkeiten verbessert werden können. Dies ist in anderen Lebensbereichen auch so. Was für Laufen und Gitarre spielen gilt, sollte auch beim Lesen funktionieren. Was hindert uns, schneller zu lesen?

Die Bremsen lösen

Zahlreiche Gründe limitieren unsere Lesegeschwindigkeit. Angefangen von der Beleuchtung des Raumes, Größe und Art der Schrifttype, über das persönliche Wohlbefinden bis hin zu unserer Einstellung dem Text gegenüber, gibt es viele, die Lesegeschwindigkeit hemmende Umstände. Einige Gründe für langsames Lesen haben auch mit der Art und Weise zu tun, wie wir lesen:

  • Augensprünge
    Das Auge hüpft über den Text. Es springt vor und zurück.
  • Fixation
    Der Blick bleibt an bestimmten Wörtern oder Textpassagen haften.
  • Subvokalisierung
    Der Text wird stumm mitgesprochen (inneres Lesen)
  • Keine Wortgruppen
    Statt in Wortgruppen wird der Text Wort für Wort gelesen.

Könnten wir diese Bremsen lösen, wären wir in der Lage schneller zu lesen. Genau dies passiert in Lese-Trainings. Durch verschiedene Übungen sollen die Lesegewohnheiten verändert werden. Eine beliebte Technik besteht darin, mit dem Finger oder einem Gegenstand (Tipp: Ess-Stäbchen benutzen) über die Zeilen zu ziehen und zwar schneller, als man lesen kann. Das Auge folgt der Bewegung. Durch tägliche Übung werden so Fixation, Subvokalisierung und Augensprünge abgebaut sowie das Erfassen ganzer Wortgruppen gefördert.

Was ist schnell?

Das durchschnittliche Lesetempo beträgt etwa 250 wpm. Personen, die mit gutem Verständnis mehr als 600 wpm lesen können, werden als Schnell-Leser bezeichnet (vgl. Musch und Rösler 2011, S. 90, 93). Die persönliche Lesegeschwindigkeit kann jeder einfach ermitteln. Man lese einen zweiseitigen Text mit gewöhnlicher Geschwindigkeit, stoppe die Zeit und zähle die Wörter. Die Werte dann in folgende Formel einsetzen:

  • Anzahl der gelesenen Wörter x 60 / Lesezeit in Sekunden = Wörter pro Minute (wpm)

Bequemer ist die Nutzung entsprechender Internet-Tools. Hier ist ein schöner Test, der auch die Leseeffizienz ermittelt: http://www.ritterspeedreading.de/speedreading-online-test.htm

 

Wo kann man Schnell-Lesen lernen?

Für das Erlernen von Spead-Reading gibt es viele Möglichkeiten:

  1. An manchen Hochschulen werden Speed-Reading Kurse angeboten. Dies ist mit Sicherheit für Studierende die beste Lösung. Unter Umständen hat auch die örtliche Volkshochschule entsprechende Angebote.
  2. Was liegt näher als Lesen aus einem Buch zu lernen! Hier drei Empfehlungen:
    • Buzan, Tony (2007): Speed reading. Schneller lesen, mehr verstehen, besser behalten. München: Goldmann.

    • Kuhn, Birgit (2011): Lesetechniken optimieren. Schneller lesen – leichter merken. München: Compact-Verlag

  • Schmitz, Wolfgang (2013): Schneller lesen – besser verstehen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verlag
  1. Eine weitere Möglichkeiten sind diverse kostenlose Tipps und Tricks zum Schnell-Lesen im Internet. Die Stichworte „Schnell-Lesen“ und „Speed-Reading“ liefern in der Google-Suche zahlreiche Treffer. Hier ein Beispiel: http://de.wikihow.com/Speed-Reading-erlernen
  2. Schließlich können auf DVD, über Apps (Smartphone) oder im Internet kostenpflichtige Angebote genutzt werden. Stiftung-Warentest hat einige Anbieter untersucht. Die Angebote reichten von etwa 3 Euro bis 590 Euro. Testsieger wurde die App Heku IT für 2,99 Euro.

 Schlussbemerkung

Wir gehen, rennen oder bummeln – so wie bei der Fortbewegung gibt es auch beim Lesen unterschiedliche Geschwindigkeiten, die ihre Berechtigung haben. Das kritisch-analytische Lesen und das kreative Lesen sind geeignet, Texte zu verstehen oder neue Ideen zu entwickeln. Das Schnell-Lesen ist dagegen besonders sinnvoll, wenn in kurzer Zeit ein Überblick über ein Wissensgebiet erzielt werden soll.

 

PS: Wissenschaftliches Arbeiten beginnt mit Lesen und dann ist das Gelesene zu verarbeiten. In unserem E-Book „Material recherchieren und auswerten“ aus der Reihe „Kleine Online-Bibliothek des wissenschaftlichen Arbeitens“ erfahren Sie dazu alles nötige.

Literatur

Brink, Alfred (2013): Anfertigung wissenschaftlicher Arbeiten. Ein prozessorientierter Leitfaden zur Erstellung von Bachelor-, Master- und Diplomarbeiten. 4., korrigierte und aktualisierte Aufl (Lehrbuch). Wiesbaden: Springer Gabler.

Musch, Jochen; Rösler, Peter (2011): Schnell-Lesen: Was ist die Grenze der menschlichen Lesegeschwindigkeit? In: Martin Dresler (Hg.): Kognitive Leistungen. Intelligenz und mentale Fähigkeiten im Spiegel der Neurowissenschaften. Heidelberg: Spektrum, Akad. Verl., S. 89–106.

 

 

Bildquelle: Speed reading von Akshay Hallur (www.infoflame.com) unter CC BY-ND 2.0

Autor:

Prof. Dr. Uwe Manschwetus hat seit 1997 eine Professur für Marketing-Management an der Hochschule Harz. Wissenschaftliches Arbeiten und Digitales Marketing sind zwei Schwerpunkte seiner Arbeit.

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