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Start Ups auf dem Prüfstand

Lässt sich der spätere Markterfolg von Start Ups vorhersagen? Ein Tag im Sommersemester, Ende der neunziger Jahre. In meiner Marketingvorlesung erläutere ich, was Geschäftskonzepte erfolgreich macht. Wie immer habe ich Beispiele vorbereitet – von kleinen Unternehmen und von Champions wie BMW, Aldi, SAP und Apple. Und ich versuche mich als Prophet.

Tamagotchi und die rätselhaften Kunden

Kurz zuvor hatte die Presse über ein neues Produkt berichtet, das in Japan sensationelle Verkaufszahlen erzielte und das jetzt den deutschen Markt erobern sollte. Mir war sofort klar, dass diese Innovation in Deutschland grandios scheitern müsste. Möglich, dass so etwas in Japan funktioniert, aber niemals bei uns.

Der Name des Produkts: Tamagotchi. Vielleicht kennen Sie es sogar: ein kleines Elektronikspielzeug, das sich wie ein virtuelles Küken verhält. Wenn es nicht regelmäßig „gefüttert“ wird oder zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, „stirbt“ es. Den Studenten konnte ich natürlich marketingtheoretisch begründen, warum dieses verrückte Ding ein geradezu klassischer Flop sein würde: Produkte ohne ein klares Nutzenversprechen gehen im Markt unter. So steht’s ja auch in allen Lehrbüchern.

Bild: Tamagotchi von Tomasz Sienicki / CC BY-SA 3.0 / Wikimedia Commons

Selten hatte ich mich so geirrt. Die Bandbreite der menschlichen Bedürfnisse ist wohl tatsächlich unbegrenzt: Bis heute ist der Tamagotchi millionenfach verkauft worden, und nicht nur in Kinderzimmern ist er ein Dauerbrenner.

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Verbraucher sind rätselhafte Wesen. Oder hätten Sie gedacht, dass man mit einem Reiseunternehmen für Stofftiere Erfolg haben könnte? Eine japanische Agentur organisiert für vernachlässigte oder gelangweilte Kuschellieblinge Erlebnisreisen nach Nah und Fern, inklusive Fotodokumentation. (Das ist kein verspäteter Aprilscherz!) „Und das Geschäft brummt“, schrieb die Neue Zürcher Zeitung. Inzwischen gibt es Agenturen für den Plüschtier-Tourismus in ganz Europa, auch in Deutschland.

Lessons learned

Mittlerweile habe ich aus vielerlei Fällen gelernt:

Selbst bei absurd scheinenden Produkt- oder Geschäftsideen ist nicht auszuschließen, dass sie sich im Markt durchsetzen.

Das Gegenteil ist ebenfalls richtig:

Auch sinnvolle Produkt- oder Geschäftsideen führen nicht automatisch zum Erfolg.

Rauchmelder zum Beispiel liegen wie Blei in den Regalen der Baumärkte. Zwar werden diese lebensrettenden Geräte bald überall zur normalen Ausstattung von Wohnungen gehören, allerdings nur auf Druck des Gesetzgebers. Der Ausspruch des legendären Ferdinand Porsche macht die Sache nicht einfacher: „Wir bauen Autos, die niemand braucht, aber jeder haben will.“

Kein Wunder, dass manchmal selbst Experten mit ihren Einschätzungen daneben liegen: In den 80er Jahren stieß die Stiftung Warentest auf einen neuartigen Apparat. Die Tester meinten seinerzeit, die Verbraucher müssten sich damit nicht belasten. So ein Gerät würde sich nämlich niemals durchsetzen. Die Rede war vom „Mikrocomputer“, dem heutigen PC.

Und der Tamagotchi? Vermutlich wäre der auf einem Marketing-Prüfstand mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Ist die Überprüfung der Markteignung einer Angebotsidee deshalb sinnlos? Keinesfalls. Auch die Hummel dürfte nach allen biophysikalischen Gesetzen eigentlich gar nicht fliegen können. Aber sie tut’s. Es gibt immer irgendeine unglaubliche Erfolgsstory, von der sich unzählige Gründer animieren lassen, zu einem ähnlichen Höhenflug anzutreten – und über kurz oder lang wieder unsanft auf dem Boden landen.

Marketing-Prüfstand

Für den Aufstieg in die unternehmerische Champions League existieren leider keine Blaupausen mit Erfolgsgarantie. Auf Glück und Zufall kann man hoffen, sich darauf zu verlassen, wäre naiv. Optimismus ist ohne Zweifel ein wichtiger Erfolgsfaktor für Start-ups. Um sich im Markt erfolgreich zu etablieren, braucht es mehr – nämlich ein Angebot, das Herz und Hirn von Käufern trifft, und ein schlagkräftiges Marketingkonzept.

Ich möchte Sie deshalb dazu anhalten, Ihr Gründungsvorhaben auf den Marketing-Prüfstand zu stellen, egal wie groß oder klein, wie neu oder wie bewährt es ist, damit Sie besser einschätzen können, wie groß die Erfolgsaussichten Ihrer Geschäftsidee sind und welche Punkte Sie besser noch einmal überdenken sollten – nicht um aufzugeben, sondern um mit neuem Elan loszulegen. Zielorientiert, gut vorbereitet und entschlossen. Hier schon mal eine kleine „Aufwärmübung“:

Testen Sie Ihr Marktgespür

Versuchen Sie doch bitte spontan, die Vermarktungschancen der neun folgenden innovativen Produktideen einzuschätzen – einfache Gadgets für den Alltagsgebrauch. Ob sie sich ebenso erfolgreich wie die Büroklammer, die Filtertüte oder die Post-it-Haftzettel verkaufen ließen?

a) Eine tragbare Straßenlaterne (schreckt in dunklen Gegenden licht-scheues Gesindel ab. Man kommt heil nach Hause).
b) Ein Regenschirm mit Haken zum Aufhängen von Beuteln oder Tüten (man hat freie Hände beim Einkauf im Regen).
c) Eine Büro-Krawatte mit Fächern auf der Rückseite (ordnet die Utensi-lien des Geschäftsmannes wie Scheckkarten, Notizzettel usw.)
d) Ein Babylöffel mit verschiebbarer Schiene, mit der die gefüllte Löffel-schale verschlossen und im Babymündchen geöffnet werden kann (kein Verkleckern der Nahrung, wenn das Baby herumzappelt oder niesen muss; einsetzbar auch im Pflegebereich).
e) Ein Daumenlutscher-Handschuh für Babys. Der Daumenteil des Handschuhs kann weggeklappt werden, das Baby kann auch bei winter-licher Kälte am Daumen lutschen, die Eltern haben ihre Ruhe.
f) Ein Achsel-Vlies mit Klettbefestigung für Hemden und Blusen. Peinliche Schwitzflecken werden vermieden, Blusen und Hemden können öfter ge-tragen werden (die Vlies-Einlage ist waschbar).
g) Ein Abflussstopfen mit integriertem Duftstein (verhindert Verstopfungen und schlechte Gerüche im Spülbecken).
h) Eine Bügelhilfe aus Draht zum Aufspannen von Ärmeln (sorgt für Knit-terfreiheit).
i) Ein Sporthandtuch zum Aufhängen an Studiogeräten (mit Tasche und Handyfach).

Die  Produkte a) bis c) sind „Chindogus“ – Chindogu heißt in Japan die Kunst, Dinge zu erfinden, die völlig überflüssig sind. Sie dürfen also keinen praktischen Nutzen haben, müssen aber eine Funktion erfüllen. Natürlich wird dabei nicht an einen späteren Verkauf gedacht. Ein kreativitätsförderndes Hobby, mehr nicht.

Die Produkte d) bis f) habe ich auf einer Gründer- und Erfinderbörse gesehen. Ob die Suche nach Investoren oder Herstellern erfolgreich gewesen ist? Soweit ich es mitbekommen habe, wohl nicht.

Die Produkte g) bis i) haben es bis in die TV-Doku „Höhle der Löwen“ geschafft – und sind mit enormer Marketingunterstützung in den Handel gekommen. (Von der Bügelhilfe wurden nach der Präsentation im Fernsehen innerhalb weniger Tage 300.000 Stück für je 9,99 € verkauft!)

Man sieht: Nichts ist unmöglich.

Heißt der Schlüssel zum Erfolg also Marketing? Nicht unbedingt, wie der Tamagotchi bewiesen hat. Der startete als Selbstläufer und schaffte den Durchbruch ohne Marketing. Aber ohne Zweifel lässt sich mit der richtigen Marketingunterstützung das Flop-Risiko neuer Produkte deutlich senken.

Diese 44 Fragen sind als Pitch-Vorbereitung wichtig

Mit den folgenden 44 Fragen lassen sich alle wesentlichen Informationen und Annahmen zusammengetragen, die für eine erste Einschätzung der Risiken und Chancen des Marketings von Gründungsunternehmen erforderlich sind. Damit wären Sie bestens vorbereitet für den Pitch – für die Kurzpräsentation ihres Geschäftsmodells vor kritischen Kapitalgebern oder Unterstützern.

Gekonntes Pitchen ist eine Kunst, und wie bei allen Künsten kommt es zuallererst auf eines an: üben, üben, üben. Beim Start-up-Pitch geht es noch nicht um die Präsentation eines Businessplans – die kommt erst später.

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Augmented/Virtual Reality Manager/-in (IHK)

Rechnen Sie damit, dass Sie in der Phase der Vorgründung einige Fragen noch nicht beantworten können. Aber Sie sehen deutlich, wo noch Informationsbedarf besteht. Bereiten Sie sich darauf vor, dass Ihnen beim Pitch auf den Zahn gefühlt wird. Zeigen Sie, dass Sie sich mit allen relevanten Aspekten bereits beschäftigt haben und dass Sie über ein stimmiges Marketing-Grobkonzept verfügen Eine Äußerung wie „Ich kann diese Frage nicht beantworten“ ist nicht sehr hilfreich. Bleiben Sie keine Antwort schuldig, auch wenn sie sehr allgemeiner Natur ist. Keiner nimmt Ihnen in dieser frühen Phase übel, wenn Sie noch nicht mit Details aufwarten können.

Auf die Frage zum Angebot sollten Sie aber schon heute eine kurze, konkrete Antwort geben können – Gründer ohne eine überzeugende Produkt- oder Serviceidee brauchen erst gar nicht im Pitch anzutreten.

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Mehr über die 44 Fragen des Marketing-Prüfstands finden Sie in meinem Buch „Strategisches Life Management“ (Teil II: Top statt Flop). Hier erfahren Sie auch, wie Sie bereits in der Phase der Vorgründung sog. qualitative Befragungen von potenziellen Kunden oder Nutzern ohne großen Aufwand selbst durchführen können.

Hier jetzt die Fragen:

Marketingstrategie   

  • Was für einen Zweck erfüllt das Angebot, und für wen ist es gedacht?
  • Was sind die Unterschiede zu den Angeboten der Wettbewerber?
  • Welche Zielgruppen werden angesprochen?

Marktsituation                             

  • Wie groß ist die Marktlücke (Kunden- und Umsatzpotenzial)?
  • Wie groß ist das Marktwachstum?
  • Wie hoch ist der Wettbewerbsdruck?

Zielgruppe                                             

  • Wie hoch ist der Problemdruck bei den Kunden?
  • Welchen Nutzen erwarten die Kunden?
  • Wie beurteilen die Kunden die Problemlösung?
  • Wie groß ist die Kaufbereitschaft bei den Kunden?
  • Wo und wie informieren sich die Kunden?
  • Wie können die Kunden dauerhaft gebunden werden?

Konkurrenzsituation

  • Wie wird der Wettbewerb auf das Angebot reagieren?
  • Welchen Schutz vor dem Wettbewerb gibt es?
  • Welche Stärken und Schwächen haben die Wettbewerber?

Angebot (im Wettbewerbsvergleich)

  • Wie innovativ oder exklusiv ist das Angebot?
  • Worin besteht der besondere Nutzen für die Kunden?
  • Welche Zusatzleistungen können angeboten werden?
  • Wie könnte der Lebenszyklus des Angebots am Markt verlaufen?
  • Welche Entwicklungsmöglichkeiten hat das Angebot?
  • Wie könnte die zukünftige Angebotspalette aussehen?

Preis

  • Welche Preisstrategie wird verfolgt?
  • Wie wettbewerbsfähig ist der Preis?
  • Wie schätzen die Kunden das Preis-Leistungs-Verhältnis ein?

Kommunikation

  • Welche schlagkräftigen Werbeideen gibt es?
  • Welcher USP soll kommuniziert werden?
  • Welche Werbemittel und Werbemedien sind vorgesehen?
  • Welche Möglichkeiten bieten Öffentlichkeitsarbeit (PR) und Events?

Vertrieb

  • Welche Bedeutung hat der Standort für das Marketing?
  • Welche Vertriebswege bieten sich an (Eigen- oder Fremdvertrieb)?
  • Wie wichtig sind der Groß- und der Einzelhandel als Vertriebsweg?
  • Mit welcher Handelsspanne bzw. Verkaufsprovision ist zu rechnen?
  • Wie stark ist die Verkaufspower?

Kosten und Umsätze (grobe Schätzungen)

  • Sind die Kosten bekannt, die dem Angebot direkt zuzurechnen sind?
  • Mit welchen Verkaufszahlen kann pro Jahr gerechnet werden?
  • Welche Marge wird angestrebt?
  • Welche Gewinne werden in den nächsten Jahren angestrebt?

E-Commerce (Internet-Marketing)

  • Welche Nutzungsmöglichkeiten bietet das Internet?
  • Gibt es ein praktikables E-Commerce-Konzept?

Gesamtkonzept

  • Welches sind die (drei) gravierendsten Schwachstellen?
  • Welches sind die (drei) wichtigsten Erfolgsfaktoren?

Unternehmen und Gründer

  • Wie soll das Unternehmen organisiert sein?
  • Über welche Erfahrungen und Kompetenzen verfügt der Gründer?
  • Wie überzeugend präsentiert der Gründer sein Geschäftsmodell?

Eine Garantie für den Erfolg von Geschäftsmodellen gibt es nicht

Ob ein Geschäftsmodell später im Markt ein Hit oder ein Flop wird, weiß keiner, kein Marktforscher, kein Unternehmensberater und kein Gründer. Hundertprozentig sichere Entscheidungen gibt es so gut wie nie. Selbstverständlich sollte aber einer Gründungsentscheidung eine ausreichend große Informationsbasis zugrunde liegen. Das ist der Sinn des Marketing-Prüfstands.

Die Antworten auf die 44 Fragen liefern Ihnen Hinweise, das Gründungsvorhaben noch einmal zu überdenken oder es mit einem sicheren Gefühl fortzusetzen. Übertreiben Sie nicht: Zu viele Details verwirren nur und erschweren den Blick auf das Wesentliche. Vertrauen Sie auch (!) Ihrer Intuition. Wenn es Ihnen schwerfällt, sich zu entscheiden, machen Sie es wie die Unternehmerlegende Max Grundig: „Erst überlege ich, dann entscheidet der Bauch.“ (Umgekehrt geht’s auch.)

Was tun, wenn ein Geschäftsmodell fehlzuschlagen droht?

Müssen Sie in der Gründungsvorphase Ihre Geschäftsidee verwerfen, ist das beileibe kein Super-Gau. Noch haben Sie kein Geld verloren. Vielmehr konnten Sie wertvolle Erfahrungen sammeln und neue Einsichten gewinnen; all das hat Sie vorangebracht. Machen Sie weiter. Je intensiver Sie sich mit Marktlücken und -trends befassen, desto sicherer stoßen Sie auf eine neue, erfolgversprechendere Geschäftsidee.

Hat Ihre Geschäftsidee den Prüfstand mit Erfolg absolviert? Lässt Sie Ihr Vorhaben gedanklich nicht mehr los? Dann haben Sie den Schritt von der Geschäftsidee zum Geschäftsmodell geschafft. Mit Hilfe der 44 Fragen sollte es gelingen, das Geschäftsmodell zu prägnanten Aussagen zusammenzufassen. Sie können sich jetzt auf den Pitch vorbereiten.

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Pitching-Lektionen aus der „HÖHLE DER LÖWEN“

Können Start-ups von Löwen lernen? Sicher, und nicht nur beim Pitch: Löwen sind auch begnadete Strategen. Sie jagen nur dann, wenn die Erfolgsaussichten groß sind. Sie wollen ihre Beute schnell erlegen und dafür nicht mehr als notwendig tun. Sie jagen im Rudel – und blasen die Jagd ab, wenn die Risiken zu hoch werden. Effektivität, Teamwork, Chancen-Management … Löwen sind darin Meister. Und Löwen verstehen es, sich eindrucksvoll in Szene zu setzen – was man von Start-ups beim Pitch nicht immer behaupten kann.                  

Löwen beeindrucken. Und sind kluge Strategen

(Foto: wikimedia.commons. Pair of lions v 2.jpg / Robek)

Der Pitch – so wichtig wie die Geschäftsidee selbst

Ein Pitch ist die Präsentation einer Produktidee, einer Werbekonzeption oder zum Beispiel eines Geschäftsmodells vor potenziellen Investoren, Partnern oder Kunden.  

In der Doku „Höhle der Löwen“ (zu sehen ab Herbst wieder auf VOX) sind mit den Löwen die fünf Juroren gemeint, die die sich präsentierenden Start-ups als „Beute“ für ihre Investment-Portfolios betrachten. Dabei sind es die Gründer und Gründerinnen, die Beute machen sollten! Doch in der TV-Show outen sich so manche Gründer und Gründerinnen als brave Hauskätzchen, aber nicht als hungrige Löwen. Und werden deshalb trotz vielversprechender Geschäftsideen ohne Finanzierungszusage wieder nach Hause geschickt. Pitch vergeigt, Chance vertan.

Ich habe mir in den beiden letzten Jahren bestimmt fünfzig bis sechzig Präsentationen von Geschäftsideen und Geschäftsmodellen angeschaut, die in den „Höhle der Löwen“-Staffeln gezeigt wurden. Was waren die Gründe für die positiven oder die negativen Beurteilungen der fünf Juroren?

Top oder Flop. Was Start-up-Pitches erfolgreich macht

Mindestens genauso wichtig wie eine geniale Produktidee sind die Gründerpersonen. Strahlen sie den Mut und die Entschlossenheit von Löwen aus? Präsentieren sich Gründerteams wirklich als homogene Gruppe mit einer klaren Aufgabenverteilung, so wie ein Löwenrudel auf Beutezug? (Natürlich geht es beim Pitch nicht ums Beute machen, sondern um das Herbeiführen einer Win-Win-Situation. Und eines sollte man als Start-up von Löwen keinesfalls übernehmen: Löwen schlafen oder dösen bis zu zwanzig Stunden am Tag.)

Entscheidend beim Pitch sind die ersten Minuten – oder Sekunden

Ob im Sport oder im Start-up-Business: Ohne Ehrgeiz und Fleiß läuft nichts. Ohne den unbedingten Willen zum Erfolg ist der Weg in eine dauerhafte unternehmerische Selbstständigkeit ziemlich schwer. Und diesen Willen muss man im Pitch auch deutlich zeigen. Körperhaltung, Stimme, Mimik, Gestik – all das muss sofort signalisieren, dass hier jemand mit dem Herz eines Löwen kommt. Investoren investieren ihr Geld in erster Linie in Menschen mit Biss und nicht in theoretische Geschäftsmodelle.

Der Funke muss beim Pitch überspringen

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AKADEMIE HERKERT

Kommunikationskompetenz, Präsentationstechnik und Rhetorik sind mit Sicherheit Erfolgsfaktoren des Pitchens. Wer hier Defizite hat, muss mit Hilfe von Coachs oder Workshops an sich und seinen Fähigkeiten arbeiten. Schauspielunterricht wär allerdings eher hinderlich. Es kommt darauf an, authentisch zu sein, mit allen persönlichen Ecken und Kanten. Bei einer zu perfekten Selbstdarstellung besteht die Gefahr, als Blender eingeschätzt zu werden. Genau wie jeder Manager muss ein Gründer aber lernen, sich und seine Geschäftsidee ins rechte Licht zu setzen – ohne allzu große Bescheidenheit und ohne Selbstüberschätzung. Sprüche wie „Wir möchten mit unserem innovativen Gemüsesaft Weltmarktführer werden und laden Sie ein, mit uns Millionen zu verdienen“ kommen bei Investoren nicht immer gut an.

Die Investoren müssen Feuer und Begeisterung hautnah spüren können. Gründer und Gründerinnen, die dies schaffen, bekommen nicht selten auch dann Finanzierungszusagen, wenn die Produktidee noch nicht so ganz überzeugt hat. Nun zum inhaltlichen Konzept eines Pitchs:

Was Investoren im Pitch von Gründern wissen wollen

Investoren mögen keine langatmigen Power-Point-Präsentationen, sondern wollen sich möglichst schnell von den Gründern und ihrem Geschäftsmodell ein Bild machen. Detailinformationen interessieren dabei nicht. (Ein Start-up-Pitch ist noch nicht die Präsentation und Diskussion des Businessplans.) Schon erstaunlich, in der Höhle der Löwen waren einige Start-ups nicht in der Lage, kurz und bündig zu erklären, worin das Besondere ihrer Geschäftsidee besteht – selbst wenn sie schon mehrere tausend Euro in ihre Geschäftsidee investiert hatten. Im Grunde geht es im Pitch um einige wenige Schlüsselfragen. Investoren wollen in erster Linie vom Gründungsteam folgendes wissen:

  • Welche „Geschichte“ steckt hinter der Geschäftsidee?
  • Für wen könnte das neue Angebot nützlich sein?
  • Warum sollten Kunden gerade dieses Produkt kaufen?
  • Wer sind die anderen Anbieter? Wie sieht der Wettbewerb aus?
  • Wie groß ist der Markt, und wie entwickelt er sich?
  • Wie gut lässt sich das Geschäftsmodell vor Nachahmern schützen?
  • Wo steht das Start-up heute, was ist bisher erreicht worden?
  • Welche Gewinne sind mittelfristig zu erwarten?
  • Wie soll das Produkt oder die Dienstleistung verkauft werden?
  • Wie viel Geld wird benötigt und wofür?

Wenn Sie sich mit den 44 Fragen des Marketing-Prüfstands (siehe oben) intensiv befasst haben, sind Sie für den Pich bestens gewappnet. Jetzt kommt es darauf an, die Investoren auch emotional zu erreichen. Wer will schon Geschäfte machen mit Menschen, die einem nicht sympathisch sind?

Manchmal stand in der Höhle der Löwen wohl schon nach den ersten drei Fragen fest, dass die Gründer mit leeren Händen vom Pitch zurückkehren würden. Deren nicht seltene Reaktion: „Wir machen trotzdem weiter!“ Und wer weiß – nichts ist unmöglich. Mit einer Idee, von der man hundertprozentig überzeugt ist, mit Biss und mit etwas Glück lässt sich auch gegen Widerstände viel erreichen. (Ausnahme sind Angebote, die ganz offensichtlich gesetzliche, technische oder z. B. ökologische Restriktionen ignorieren.) Und man muss sich als Start-up auch die richtigen Investoren aussuchen: Geldgeber, die nicht nur an Rendite denken, sondern sich auch für das Produkt begeistern lassen („Money follows Passion“). Einige sparsam eingesetzte Show-Elemente können da wahre Wunder bewirken.

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Pitch-Gebot Nr. 1: Du sollst nicht langweilen!

Mehr als zehn Minuten (plus Diskussion) sollten Sie für den Pitch nicht einkalkulieren. Diese Zeit muss ausreichen, Investoren von Ihrem Geschäftsmodell zu überzeugen, ohne dass Sie in Hektik verfallen. Ein Sonderfall ist die sog. Fahrstuhlpräsentation (engl. Elevator Pitch). Hierbei wird ein mehr oder weniger zufälliges Zusammentreffen mit potenziellen Investoren oder Unterstützern für eine kurze Vorstellung einer Geschäftsidee genutzt. Manchmal ist das der erste Schritt zum Erfolg.

Investoren müssen zum Geschäftsmodell passen

Der Fidget Spinner. Ist sinnlos, macht aber Spaß, Bild: Fidget Spinner, wikimedia commons / Aamiri 77

Ob der „Tamagotchi“ oder der „Fidget Spinner“, der momentan den Spielzeugmarkt für Jung und Alt überrollt, bei einem Pitch vor kühl rechnenden Bankern eine Finanzierungszusage bekommen hätte? Ich glaube kaum. Bei den „Löwen“ mit dem Vertriebsprofi Ralf Dümmel unter den Juroren könnte ich mir das dagegen gut vorstellen. Nicht zuletzt, weil die „Höhle der Löwen“ auch für Produkte, die eigentlich keiner braucht, eine gigantische Werbeplattform darstellt.

Der Beitrag erschien zuerst auf www.wirtschafts-thurm.de

Autor:

Horst Kleinert

Prof. Dr. Horst Kleinert ist Professor (em.) für Marketing mit den Schwerpunkten Werbung, Tourismus und Existenzgründung. Heute ist er Gründungscoach und Fachautor in Berlin.

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