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Stress mit der Achtsamkeit?

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Haben Sie schon mal über Achtsamkeit gestritten? Martha und Paul schon – und ich mittendrin.

Martha und Paul kommen in meine Praxis mit der Bitte um Unterstützung in einer Ehekrise. Seit fast 40 Jahren sind sie verheiratet, haben kleine und große Probleme bewältigt, und jetzt sehen sie zum ersten Mal keinen anderen Ausweg als die Trennung.

Keine Achtsamkeit, Streit Mann und Frag
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Ich kenne das Paar seit einigen Jahren aus sporadischen Beratungsgesprächen. Beide erlebe ich als selbstreflektiert, für beide gehört Achtsamkeit zum Lebensprinzip. Martha beschäftigt sich mit Ratgebern zur Selbstentwicklung, nimmt an einem entsprechenden Gesprächskreis und an einem Yoga-Kurs teil, Paul meditiert täglich und liest Bücher zu spirituellen Themen. In vielen Sichtweisen auf das Leben sind sie sich einig – warum nur stehen sie sich jetzt immer unversöhnlicher gegenüber?

Auf meine Frage, worin sie zur Zeit ihr größtes Problem sehen, antworten zu meinem Erstaunen beide dasselbe: Sie werfen einander Unachtsamkeit in der Beziehung vor und fühlen sich als Person miss-achtet. Ganz so einfach scheint die Sache mit der Achtsamkeit also nicht zu sein…

Achtsamkeit – wovon reden wir?

Überlassen wir Martha und Paul noch einen Moment sich selbst und machen einen kurzen Abstecher zu einer psychotherapeutischen Supervisionsgruppe, die ich über Jahre geleitet habe. Auch hier war Achtsamkeit ein erstrebtes Ziel, schließlich wollten alle Teilnehmer gute – und damit achtsame – Therapeuten sein. Doch nicht selten wurde in der kritischen Nachbereitung von (echten oder gespielten) Gesprächssitzungen Achtsamkeit zu einem schnell parierten Schlagwort, das nicht so recht weiterhalf. Da nützen uns auch keine allgemeinen Definitionen wie allumfassendes Gewahrsein, ungeteilte Aufmerksamkeit oder jederzeit präsentes Bewusstsein – was hieß denn all das konkret für die Praxis? Um aus Situationen zu lernen, brauchten wir praktisch anzuwendende Handlungsmerkmale.

Vier Säulen, Gerichtsgebäude
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Folglich nahmen wir jeden Hinweis auf Achtsamkeit als Aufforderung, besonders genau hinzuschauen. Wem etwas „Unachtsames“ aufgefallen war, der versuchte fortan, dies so gut es ging zu präzisieren. Auf diese Weise kristallisierten sich am Ende eines spannenden Weges durch Erfahrungen, Beobachtungen und Diskussionen tatsächlich vier handfeste Anhaltspunkte heraus, die offenbar darüber entscheiden, ob etwas als achtsam oder nicht-achtsam wahrgenommen wird. Sie finden sich in der Denkweise, im Umgang mit Gefühlen und in der Art der Kommunikation, ergänzt durch die Bereitschaft, ggf. einen Standpunkt, eine Haltung oder Handlung darin zu verändern. Die weitere Erkenntnis: Keine dieser vier allgemeinmenschlichen Fähigkeiten ist aus sich selbst heraus achtsam, sondern jede von ihnen reift mit Hilfe der anderen drei. Erst durch deren untereinander klug abgestimmtes Zusammenspiel (das ich kurzgefasst als „Tiefgangprinzip“ bezeichne) werden sie zu tragenden Säulen der Achtsamkeit.

Zurück zu Martha und Paul. Kann diese Sichtweise ihnen vielleicht aus ihrer Krise heraushelfen? Da beide betonen, stets das Beste für den Anderen zu wollen, sich gerade deshalb besonders achtsam zu verhalten und sich trotzdem „jedesmal eine blutige Nase zu holen“, möchte ich zunächst mehr darüber erfahren, wie sich die vorgeworfenen Unachtsamkeiten im praktischen Umgang äußern.

Paul sieht seinen Beitrag zur Achtsamkeit darin, sich fürsorglich um die an Rheuma erkrankte Martha zu kümmern, ihr Arbeiten abzunehmen und sie mit Ratschlägen zu versorgen, was sie gesundheitlich für sich tun könne. Paul seinerseits, der zu Depressionen neigt, geht in seinen melancholischen Phasen gern in den Rückzug und will seine Ruhe haben – Martha drückt dann ihre achtsame Anteilnahme darin aus, sich und vor allem ihren Mann immer wieder zu fragen, ob es ihm ihretwegen nicht gut gehe und ob sie ihn mit irgendetwas belastet oder verärgert habe. So wurde im Laufe der Zeit aus Pauls gut gemeinter „Achtsamkeit“ eine unerwünschte Überfürsorge und aus Marthas ebenfalls gut gemeinter „Achtsamkeit“ eine unergiebige Selbstbezichtigung.

Achtsamkeit in der Praxis

Die weitere Beratungsstunde im Zeitraffer:

Ich bitte beide, dem Anderen jeweils zuzuhören, ohne einander ins Wort zu fallen und ohne innerlich Entgegnungen vorzubereiten (ein erster Aspekt der Achtsamkeit: resonanzfähige Kommunikation, die eine unvoreingenommene Einstellung voraussetzt). Situation und gegenseitige Vorwürfe sind bekannt, zunächst hat Martha das Wort. Meine Frage, wie sie sich bei Pauls Verhalten fühlt, beantwortet sie spontan mit „stocksauer“. Bei weiterem Nachspüren wird daraus „ohnmächtig“, und als sie auch das noch weiter auf sich wirken lässt, zeigt sich: Martha fühlt sich ständig bevormundet, „wie ein dummes Kind gegängelt“. Paul dagegen ist anfangs genervt, später wird er wütend, wenn Martha mit ihren Fragen insistiert. Tiefer nachgespürt, sagt er, er fühle sich „wie ein Tier, das in die Falle gedrängt wird“.

Damit beziehen beide nun einen zweiten Aspekt der Achtsamkeit ein: Sie halten ihre aufwallenden Emotionen zurück, die sofort gegen die vermeintlichen Anschuldigungen protestieren wollen. Heftige Emotionen verhindern jedes konstruktive Gespräch, erst sobald diese zur Seite treten, kann sich eine Tür zum Verständnis öffnen – für den Anderen, aber auch für sich selbst. Durch die Beruhigung der Emotionen gelingt es Martha und Paul, jeweils zu einer tieferen Gefühlsebene vorzudringen und nachzuspüren, was sie bzw. ihn konkreter bewegt. Und auf dieser inneren Gefühlsebene deutet sich dann auch schon die Lösung an, die die Eheleute aus der Sackgasse ihrer Streitereien führt – dazu gleich mehr.

Indem all das in Worte gefasst wird, kommt ein dritter Aspekt der Achtsamkeit ins Spiel: das Denken. Achtsames Denken (im Tiefgangprinzip nenne ich es „Geist-Denken“) geht gleichermaßen zu Emotionen wie zu eingefahrenen Denkautomatismen auf Distanz und kann so zugleich die vielschichtige Gefühlswelt wie auch eigene Reaktionsmuster, Interpretationen und Überzeugungen wahrnehmen – und bei Bedarf revidieren.

Indem Martha und Paul in sich nachspüren und das Ergebnis genauer formulieren, beginnen sie, Gefühle und Verhalten des Partners besser kennenzulernen. Nun können sie jeweils das Gesagte auf sich wirken lassen, um es mit dem eigenen Denken und Fühlen abzugleichen. Hier liegt der eben angesprochene Wendepunkt: Das beginnende Verständnis lenkt von den gewohnten Verteidigungsstrategien fast zwangsläufig hin zu Pauls Frage: „Ja, und wie können wir das jetzt ändern?“ Ich ergänze seine Frage: „Was würden Sie sich jeweils von Ihrem Mann bzw. Ihrer Frau wünschen, damit Sie sich in Ihren Bedürfnissen wahrgenommen und wertgeschätzt fühlen?“ Nach kurzem Nachdenken und Nachspüren bittet Martha ihren Mann, sie künftig erst einmal zu fragen, in welcher Weise er ihr helfen könne (anstatt vorauseilend „nur ihr Bestes“ zu wollen). Und aus Pauls anfänglichem Vorwurf wird die Bitte an Martha, die in seinen verschlossenen Phasen eine Rückversicherung für sich braucht, es bei einer einmaligen Anfrage zu belassen (anstatt penetrant Erklärungen zu fordern).

Damit das Entgegenkommen gegenüber dem Partner ehrlich ist, muss jeder in sich hineinhorchen, nachdenken, nachspüren – und dies wiederum offen mitteilen. Bei der Veränderungsbereitschaft, der vierten Säule der Achtsamkeit, wird also noch einmal abgestimmt: die Gefühle und (gedanklichen) Einsichten auf der eigenen Seite mit denen, die vom Anderen geäußert werden. So bleiben beide authentisch, die angestrebte Veränderung ist stimmig – eine ideale Voraussetzung für Motivation und Erfolg.

Wir und ich
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Die Lösung, die Martha und Paul auf diese Weise entwickeln, ist so einfach wie durchschlagend:  Beide empfinden (so das Feedback nach zwei Monaten) das minimal veränderte Verhalten des Partners nun als achtsam, sie fühlen sich wieder wertgeschätzt, die Beziehung blüht auf, und wenn sie nicht gestorben sind…

Ein erfolgversprechendes Bündnis

Nicht nur für Martha und Paul ist eine solche „handfeste“ Achtsamkeit ein Segen, sondern in jeglicher Beziehung, sei es zu Mitmenschen und Mit-Geschöpfen, zu uns selbst, zu unserem spirituellen Urgrund. Überall wird unser Handeln gelenkt von den hier angesprochenen Fähigkeiten, die wir als menschliche Grundausstattung mitbekommen: Denken, Fühlen, Kommunizieren und Veränderungsbereitschaft. Sie bestimmen unsere Entscheidungen – persönlich, sozial, politisch, im Alltag wie in den großen Linien des Lebens. Achtsam jedoch wird deren Wirken, wie oben erwähnt, nicht automatisch aus sich heraus, sondern erst in einer stetigen Feinabstimmung zwischen bewusstem Denken, dem subtilen Gespür unterhalb der Emotionen, einer resonanzfähigen Kommunikation und dem Justieren anstehender Veränderungsschritte. Mit diesen vier fassbaren Fähigkeiten bekommt die Achtsamkeit klare Konturen, sie wird benennbar und alltagstauglich.

Freilich gibt es zu jeder dieser Fähigkeiten einiges zu vertiefen, und ein paar Gedanken dazu finden Sie schon in weiteren Beiträgen dieser Blog-Seite. Aber allein indem wir uns jederzeit (oder zumindest in Zeiten der Selbstbesinnung) dieser vier Mitspieler bewusst sind, lässt sich auch ohne Hintergrundkenntnisse auf einen Blick „scannen“, wo wir eine der Fähigkeiten außer Acht gelassen haben und worauf wir verstärkt achten könnten. Probieren Sie es aus, prüfen Sie, ob Sie es in Ihrem Leben, in Beobachtungen und Erfahrungen wiederfinden – und geben Sie weiter, was Sie überzeugt!

Autor:

Christa Keding

Dr. Christa Keding führte als Allgemeinärztin mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung seit den 1980er Jahren eine Landpraxis. Unzufrieden mit oft lebenslangen Symptombehandlungen, suchte sie nach tiefer gehenden Ansätzen. Eine Grundlage dazu fand sie in der analytischen Kinesiologie, mit der sie sich wegen einiger umstrittenen Aspekte etliche Jahre kritisch auseinandersetzte. Sie bildete darin Ärzte, Heilpraktiker und Psychotherapeuten in Kursen und Individualunterricht aus und veröffentlichte zu dem Thema mehrere Bücher. Ihr Hauptinteresse liegt darin, essenzielle Zusammenhänge zu unterschiedlichen Lebensthemen zu verstehen und verständlich zu vermitteln.

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