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Überangebot an Kirchengebäuden in Deutschland: Ursachen, Ausmaß und Handlungsalternativen

Leerstehende und funktionslos gewordene Kirchengebäude sind für Städte ein Problem, denn eine verfallende Kirche kann ein ganzes Stadtviertel in Mitleidenschaft ziehen[1]. Was sind die Ursachen des Leerstandes und welche grundsätzlichen Handlungsalternativen gibt es?

Gründe des Kirchenleerstandes

Die wesentliche Ursache für den Leerstand ist ein Überangebot an Sakralbauten aufgrund der rückläufigen Entwicklung der Mitgliederzahl der katholischen und evangelischen Kirche. Seit Kriegsende 1945 sinkt die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland stetig. Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung im Jahr 1990 betrug der Anteil der Mitglieder in den beiden großen Volkskirchen 73 Prozent der Gesamtbevölkerung[2]. Im Jahr 2019 gehörten noch 52,1 Prozent der Bevölkerung zu einer der beiden großen Kirchen. Die römisch-katholische Kirche zählt 22,6 Mio. und die evangelische Kirche 20,7 Mio. Mitglieder[3]. Der Schrumpfungsprozess ist weiterhin intakt. Laut einer Studie der Universität Freiburg wird sich die Zahl der Kirchenmitglieder bis zum Jahr 2060 auf 31,1 Prozent der Gesamtbevölkerung reduzieren[4].

Die beiden Volkskirchen verkleinern sich aus zwei Gründen. Erstens gibt es demografische Ursachen. Die Zahl der jüngeren Menschen reduziert sich, während der Bevölkerungsanteil älterer Menschen zunimmt. Wenn durch den demografischen Wandel die Sterbe- die Geburtenrate übersteigt, sinkt die Bevölkerungszahl und somit auch die Anzahl der Kirchenmitglieder. Der Prozess einer schrumpfenden Bevölkerung wird zwar durch Zuwanderung abgemildert, doch die Kirche kann davon kaum profitieren. Der Grund dafür ist, dass die Mehrzahl der Migranten einer nicht-christlichen Religion angehören. Zweitens – und dieser Grund ist noch wichtiger – verlieren die Kirchen Mitglieder, weil weniger Kinder aus christlichen Familien getauft werden und der Saldo von Kircheneintritten und -austritten negativ ist. Es verlassen also mehr Menschen die Kirchen als neue Mitglieder hinzukommen[5].

Ausmaß des Problems überzähliger Kirchen

Die beiden Volkskirchen besitzen in Deutschland über 40.000 sakrale Gebäude. Im Eigentum der evangelischen Kirche befinden sich 20.306 Kirchengebäude, von denen 355 eine dauerhafte Nutzungsänderung erfahren haben. Außerdem wurden 410 evangelische Kirchen nach 1990 verkauft oder abgerissen. Diesem Verlust stehen aber 560 Kirchen gegenüber, die neu gebaut oder nach einer umfassenden Sanierung wieder in Betrieb genommen wurden [6]. Der Bestand an Kirchen hat sich folglich netto lediglich um 205 Gebäude (etwa 1% des Bestandes) verringert. In der katholischen Kirche in Deutschland ist die Situation ähnlich. Es wurden im Zeitraum 2000 bis 2018 genau 538 Sakralgebäude aufgegeben. Davon wurden160 Kirchen abgerissen und 142 verkauft. Demgegenüber entstanden 49 neue Gotteshäuser. Bei einer Gesamtzahl von 22.200 Kirchengebäuden ist dies nur eine geringe Reduzierung des Immobilienbestandes[7].

Die Entwicklung des Bestandes an Sakralbauten reflektiert derzeit nicht die Problematik überzähliger Kirchen, da es im Verhältnis zu den derzeitigen und prognostizierten Mitgliederzahlen nach wie vor zu viele Kirchen gibt, Es ist zu erwarten, dass die Diskussion um die Nutzung ehemaliger Kirchen an Intensität gewinnen wird.

Handlungsalternativen für unterausgelastete oder ungenutzte Kirchengebäude

Kirchengebäude wurden gebaut, damit Gottesdienste abgehalten werden können. Wenn aber aufgrund der zuvor aufgezeigten Entwicklungen immer weniger Gotteshäuser gebraucht werden – was soll dann mit den überzähligen Kirchengebäuden geschehen? Im Wesentlichen gibt es vier Optionen, um mit einem drohenden oder bereits eingetretenen Kirchenleerstand umzugehen:

Abriss

Die radikalste Lösung ist der Abriss des Gebäudes. Das Grundstück kann von der Kirche verkauft oder für eigene Zwecke genutzt werden. Der Abriss eines Kirchengebäudes lässt sich aber aus Denkmalschutzgründen häufig nicht realisieren. So stehen von den 20.306 im Besitz der evangelischen Kirche befindlichen Kirchengebäude 16.631 (82 Prozent) unter Denkmalschutz [8].

Nutzungserweiterung

Bei einer Nutzungserweiterung bleibt das Sakralgebäude in räumlicher und funktionaler Hinsicht erhalten. Damit ein Leerstand vermieden wird, erfolgt zusätzlich zu den Gottesdiensten eine Verwendung in Kooperation mit weltlichen oder kirchlichen Partnern[9]. Die Kirche St. Johannes in Berlin-Johannisthal wird beispielsweise seit einigen Jahren auch von einer ukrainischen griechisch-katholischen Gemeinde genutzt[10]. Bei einer gemeinsamen Inanspruchnahme des Kirchenraumes mit weltlichen Partnern hingegen, sind die Möglichkeiten durch die architektonischen Besonderheiten einer Kirche (Größe des Raumes, feste Bestuhlung, etc.) stark eingeschränkt.

Teilweise Umnutzung

Bei dieser Variante wird das Kirchengebäude durch Umbaumaßnahmen für eine gemischte Nutzung vorbereitet. Die Kirche steht weiterhin für Gottesdienste zur Verfügung, jedoch wird der Kirchenraum verkleinert. Durch geeignete Baumaßnahmen wie das Errichten temporärer oder dauerhafter Trennwände, entstehen Räume für eine neue Verwendung. Auch in diesem Fall ist eine Kooperation mit religiösen oder weltlichen Partnern möglich. Beispielsweise könnten so Büroräume geschaffen und vermietet werden[11].

Vollständige Kirchenumnutzung

Bei einer vollständige Kirchenumnutzung erfolgt eine neue Verwendung des kompletten Kirchengebäudes. Das Bauwerk verliert dabei seinen Status als Sakralgebäude, d. h. es ist keine Kirche mehr. Dieser Vorgang erfolgt in der römisch-katholischen Kirche durch eine Profanerklärung des zuständigen Bischofs. Die Profanierung wird durch einen Gottesdienst öffentlich gemacht. In ähnlicher Weise geschieht dies in der evangelischen Kirche und wird hier als Entwidmung bezeichnet.

Fazit

Das Thema des Überangebotes an Kirchengebäuden ist aktuell und wird in Zukunft eine noch größere Bedeutung bekommen, da aufgrund des demografischen und gesellschaftlichen Wandels viele Kirchengemeinden unter Mitgliederschwund zu leiden haben und ihre Gotteshäuser nicht mehr wirtschaftlich sinnvoll betreiben können. Daher wird vielerorts überlegt, die Kirchen abzugeben und die sakralen Bauten einer neuen Bestimmung zuzuführen. Ehemalige Kirchen werden beispielsweise als Bibliotheken, Restaurants, Konzertsäle, Wohnungen, Moscheen oder Sporthallen genutzt. In diesem Zusammenhang stellen sich viele Fragen: Welche Nutzungsform ist für die Stadt und ihre Bürger am geeignetsten? Welche Nachnutzungen haben sich in der Praxis bewährt? Welche Schwierigkeiten haben sich im Prozess der Umnutzung gezeigt? Wie können die Vorhaben finanziert werden? Dies sind nur einige der Fragen, die sich in diesem Kontext stellen.


Quellen:

[1] Vgl. Bauer, Katrin (2011): Gotteshäuser zu verkaufen. Gemeindefusionen, Kirchenschließungen und Kirchenumnutzungen (Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, Bd. 117). Münster, München: Waxmann, S. 120.

[2] Vgl. Netsch, Stefan (2018): Strategie und Praxis der Umnutzung von Kirchengebäuden in den Niederlanden. Dissertation. Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Karlsruhe. URL: https://publikationen.bibliothek.kit.edu/1000085540, S. 14.

[3] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2020): Katholische und evangelische Kirche. Anteil der katholischen und evangelischen Kirchenmitglieder an der Bevölkerung in Prozent, Austritte in Tausend, 1960 bis 2019. URL: https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61565/kirche

[4] Vgl. Gutmann, David; Peters, Fabian (2020): German Churches in Times of Demographic Change and Declining Affiliation: A Projection to 2060. Comparative Population Studies, Vol 45 (2020). URL: https://doi.org/10.12765/cpos-2020-01en, S. 28.

[5] Vgl. Forschungszentrum Generationenverträge (FZG) der Albert-Ludwig-Universität Freiburg (2019): Langfristige Projektion der Kirchenmitglieder und des Kirchensteueraufkommens in Deutschland. URL: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/dossiers_2019/2019-05-02_Projektion-2060_EKD-VDD_FactSheets_final.pdf.pdf

[6] Vgl. Evangelische Kirche in Deutschland (2019): Kirchen und Gottesdienststätten in der evangelischen Kirche im Jahr 2017.

[7] Vgl. Kirche und Leben (2018): Katholische Kirchen in Deutschland: 538 aufgegeben – 49 neu gebaut. URL: https://www.kirche-und-leben.de/artikel/katholische-kirchen-in-deutschland-538-aufgegeben-49-neu-gebaut/

[8] Vgl. Evangelische Kirche in Deutschland 2019, aaO. , S.4.

[9] Vgl. Gallhoff, Joachim; Keller, Manfred (Hg.) (2015): Erweiterte Nutzung von Kirchen. Neue Modelle mit kirchlichen und weltlichen Partnern (Initiative Kirchen öffnen und erhalten, Bd. 3). Berlin: LIT.

[10] Vgl. Schädler, Verena (2008): Katholische Kirchenräume. Beispiele für Erweiterte Nutzung. In: Manfred Keller und Kerstin Vogel (Hg.): Erweiterte Nutzung von Kirchen Modell mit Zukunft. Evangelischer Hochschuldialog 21. bis 23. Februar 2008 in Weimar (Evangelische Hochschuldialoge. Schriftenreihe der Ev. Akademikerschaft in Deutschland und der Ev. StudentInnengemeinde. Münster, Bd. 3). Berlin: LIT, S. 120–125, S. 121.

[11] Vgl. Netsch 2018, aaO., S. 69.

Autor:

Prof. Dr. Uwe Manschwetus hat seit 1997 eine Professur für Marketing-Management an der Hochschule Harz. Wissenschaftliches Arbeiten und Digitales Marketing sind zwei Schwerpunkte seiner Arbeit.

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