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Selbstbestimmung – Chance oder Illusion?

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Wir sind determiniert, sagen manche Wissenschaftler, von Genen, Hormonen und Prägungen. Wir haben einen freien Willen, behaupten andere. Wie auch immer wir uns selbst verstehen, ob als Ergebnis physiologischer Reaktionen oder eines davon unabhängigen Geistes, unser Ich-Gefühl möchte sich nicht absprechen lassen, einen „eigenen“ Willen zu haben und danach zu leben. Diese Freiheit ist uns ein hohes Gut.

Wunsch nach Selbstbestimmung

In diesen Tagen, in denen ich diesen Artikel schreibe, ist unsere Freiheit gerade drastisch beschnitten: Die Welt wird von einer unsichtbaren Macht namens Corona in Schach gehalten, persönliche und gesellschaftliche Freiräume sind zur Eindämmung der Pandemie erheblich eingeengt. Da rennt der Wunsch nach Selbstbestimmung gegen Mauern, wenn wir uns nicht mal eben mit Freunden zum Doppelkopf verabreden oder zum Open-Air-Festival gehen können. Wir spüren in dieser Ausnahmesituation hautnah, wie es ist, nicht selbstbestimmt handeln zu können.

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ISBN: 978-3-945216-20-0


Bild von ElisaRiva auf Pixabay

Aber dazu braucht es nicht einmal ein unberechenbares Virus: Auch im „normalen“ Alltag ist unsere Freiheit begrenzt – durch den Zaun zum Nachbargrundstück, durch den Kontostand, durch Mitmenschen oder körperliche Gebrechen. Worin also liegt überhaupt unsere Selbstbestimmung, geht sie davon aus, dass wir über alles in unserem Einflussbereich selbst bestimmen können? Oder bedeutet sie vielmehr, über uns selbst zu bestimmen?

Dazu eine – zugegeben etwas makabre – Geschichte:

Eine Horde blutrünstiger Barbaren verwüstet das Land, metzelt alles nieder, was ihr in den Weg kommt. Sie überfallen auch ein Kloster in der Einöde der Steppe. Wild das Schwert schwingend, dringt der Bandenführer in die Kapelle ein, in der die Mönche meditieren. Er packt den Abt, setzt ihm das Schwert an die Kehle und brüllt: „Weißt du eigentlich, wie viel mächtiger ich bin als dein Gott, zu dem du betest? Ich habe das Schwert, und ich bestimme, dass ich dir damit den Kopf abschlage!“ Schaut ihm der Abt in die Augen und spricht: „Und weißt du nicht, dass Gott und ich gerade beschlossen haben, dir das hiermit zu erlauben?“

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An vielen Orten brachte die Grippe die Machtverhältnisse ins Wanken



Nüchtern betrachtet, haben wir wenig Einfluss auf das, was uns im Leben widerfährt. Dem können wir uns nun fatalistisch überlassen, oder wir machen selbst-bestimmt das Bestmögliche aus den Gegebenheiten. Und bestmöglich handeln wir, wenn wir sowohl der herausfordernden Situation wie auch unserem eigenen Wesen gerecht werden. Selbst wo wir im Außen nichts bewirken können, steht es uns frei, unsere Haltung und unseren persönlichen Umgang damit zu bestimmen. Wohl kaum jemand verfügt über die Abgeklärtheit dieses Abtes, der sich seinem Schicksal fügt, ohne seine Souveränität preiszugeben. Aber jede und jeder von uns steht immer wieder vor der Wahl, was für sie oder ihn wirklich „stimmig“ ist.

Was „stimmt“ für uns?

Selbstbestimmung – ein bedenkenswertes Wort: Im „Bestimmen“ liegt „stimmen“, also ein Verständnis von Richtig und Falsch. Das wiederum leitet sich ab von „Stimme“. Aber wessen bzw. welche Stimme „bestimmt“ unser Handeln?

Nehmen wir beispielhaft noch einmal die aktuelle Krise. Da ist gerade nicht zu überhören, wie eine Vielzahl von Stimmen auf uns einredet. Sehr laut und offensichtlich zunächst einmal die Stimmen von Virologen, Politikern, Wirtschaftsexperten, Verschwörungstheoretikern. Ebenso laut reagieren darauf Stimmen in uns selbst: Befürchtungen, Ängste, Widerstände. Wer die Beiträge in Internetforen verfolgt, sieht die Menschen hin und her gerissen zwischen der Angst vor der Pandemie und der Angst vor den Folgen des Lock-down, und jede dieser Seiten ruft zu unterschiedlichem Handeln auf.

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Bild von Abhilash Jacob auf Pixabay

Sind also Ängste ein Leitfaden zur Selbstbestimmung? – Da Ängste und andere starke Gefühle Warnsignale sein können, sollten wir sie zumindest nicht ignorieren. Zumal auf ihren Zug sofort weitere Stimmen aufspringen: Die Gedanken. Gern lassen diese sich von Emotionen mitreißen und liefern bereitwillig Zündstoff, der sie noch weiter befeuert und uns in destruktive Gedanken-Gefühls-Spiralen zieht. Oder der Kopf lehnt sich gegen die Ängste auf, versucht, Situationen zu beschönigen, Befürchtungen auszureden. So oder so bleibt das Denken aber an die Gefühle gebunden: Wer sich kopflos jeder Emotion ausliefert, ist abhängig von den Aufs und Abs der unsteten Gefühlswelt; wer sie unterdrückt, spaltet einen Teil seiner selbst ab. Selbstbestimmt ist beides nicht.

Aus dieser Falle kommen wir erst heraus, indem wir bewusst nachdenken – nicht nur über die Gefühle, sondern auch über die sie begleitenden Gedanken. Um diese Funktion von anderen Formen des Denkens abzugrenzen, bezeichne ich sie gern als „Geist-Denken“. Als unabhängiger Beobachter kann Geist-Denken das, was in uns vorgeht, verfolgen und bei Bedarf beeinflussen. So wird das Denken weder zum Diener der Emotionen, noch zu deren Gegenspieler, sondern zu ihrem unverzichtbaren Partner.  

Denken als Partner des Fühlens

Mit Geist-Denken sind wir in der Lage, jegliche Art von Gefühlen und Emotionen wahrzunehmen (im doppelten Wortsinn: sowohl zu erkennen, wie auch ggf. auszukosten), ohne das weitere Handeln davon abhängig zu machen. So lässt sich dann leichter unterscheiden, welche unserer Gefühle idealerweise als Ratgeber geeignet sind. Die tummeln sich nämlich so gut wie nie in den wilden Wogen der Emotionen, sondern unsere innere Wahrheit spricht aus einer ruhigeren Gefühlsebene – wir kennen sie u.a. als Stimme des Gewissens oder der Intuition. Unser wahrer Wesenskern macht sich auf dieser Ebene in einem subtilen Gespür bemerkbar, dem Ausgangspunkt echter Selbstbestimmung (über Gefühle als Leitinstanz mehr im Beitrag „Bauchgefühl“).

Diese leisen „inneren Stimmen“ nehmen wir allerdings erst wahr, wenn wir – zumindest zeitweilig – zur Ruhe kommen und uns Zeit zur Selbstbesinnung gönnen. Dann kann der denkende Geist durch „Vermittlung“ zwischen den intensiven Emotionen, einsichtigen Argumenten und dem innersten Gespür die verlässlichste persönliche Orientierung finden.

Beim Beispiel von Corona hieße das: Angst machende Informationen werden soweit durchdacht, bis wir uns – zumindest vorerst – einer Sichtweise anschließen können, aus der heraus wir handeln wollen. Inwieweit uns eine Argumentation entspricht, ergibt sich aus bewusstem Denken (siehe auch „Überzeugungen – Trojaner im Kopf?“) im Verbund mit dem innersten Gespür.

Auf dieser Basis kommen auch die aufgewühlten Emotionen am ehesten zur Ruhe und der Kopf kann klarer über die nächsten Schritte entscheiden. Dabei ist in Zeiten nie dagewesener Ereignisse, unsicherer Prognosen und sich widersprechender Argumente ein wichtiger Aspekt der Selbstbestimmung, sich auch Meinungsänderungen zuzugestehen und morgen einen anderen Blick auf das Geschehen zu haben als heute. Durch solch ein schrittweises Abwägen gewinnen wir Sicherheit auf unbekanntem Terrain, was das Handeln einfacher macht und ebenfalls die heftigeren Emotionen beruhigt. Das heißt, Selbstbestimmung folgt nicht einer fixierten Vorstellung, sondern einer stetigen bewussten Abstimmung von Denken, Fühlen und der Verarbeitung von Impulsen, die von außen kommen.

Bild von kalhh auf Pixabay

Die Chance zur Selbsterkundung

In diesem Sinne bietet uns das Corona-Virus – etwas unfreiwillig – ein ideales Übungsfeld, uns selbst besser kennenzulernen und stimmiger mit uns selbst und den Herausforderungen umzugehen. Wenn sich unsere Alltagsstrukturen doch ohnehin schon großenteils auflösen und Improvisation, Kreativität und Umdenken an ihre Stelle treten, dann nehmen Sie sich doch die Freiheit, auch sich selbst mal neu auszuprobieren: Falls Sie von jeher die nüchterne Denkerin sind – vielleicht möchten Sie jetzt mal Ihr inneres Gespür bzw. Ihre Intuition entdecken und schauen, wohin es Sie führt? Wenn Sie sich bislang stark von Emotionen leiten lassen – vielleicht möchten Sie das Experiment wagen, das (Geist-)Denken als Begleiter schätzen zu lernen? Oder sich in der Bereitschaft üben, versuchsweise andere Standpunkte einzunehmen, oder Gefühlsebenen zu unterscheiden, oder oder oder…

Nutzen wir die Turbulenzen dieser Tage doch einfach nebenher zu einer spannenden Selbsterforschung! Indem wir entscheiden, welche Gefühle wir zur Leitinstanz ernennen, indem wir bewusstes Denken pflegen, indem wir Eindrücke und Informationen von außen mit unserem Inneren abgleichen, kommen Kopf, Herz und Bauch immer besser in Einklang. Und indem wir daraus schrittweise Veränderungen wagen, erweitern wir unseren Handlungsspielraum, machen neue Erfahrungen und festigen das Fundament, von dem aus wir weitere Entscheidungen treffen. Damit sind wir nicht nur hinsichtlich Corona und seinen Folgen gut gewappnet, sondern stellen uns zugleich einen Allround-Werkzeugkoffer für selbstbestimmtes Handeln in jeder Lebenslage zusammen, egal ob in Krisen und Umbrüchen oder im Alltag. Das Tiefgangprinzip (wie ich dieses Zusammenspiel nenne) bietet viele Anregungen, sich mit sich selbst und zu sich selbst auf den Weg zu machen, und je mehr wir so aus unserem eigentlichen Wesenskern heraus leben, umso stimmiger wird unser Leben – probieren Sie es aus!

Autor:

Christa Keding

Dr. Christa Keding führte als Allgemeinärztin mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung seit den 1980er Jahren eine Landpraxis. Unzufrieden mit oft lebenslangen Symptombehandlungen, suchte sie nach tiefer gehenden Ansätzen. Eine Grundlage dazu fand sie in der analytischen Kinesiologie, mit der sie sich wegen einiger umstrittenen Aspekte etliche Jahre kritisch auseinandersetzte. Sie bildete darin Ärzte, Heilpraktiker und Psychotherapeuten in Kursen und Individualunterricht aus und veröffentlichte zu dem Thema mehrere Bücher. Ihr Hauptinteresse liegt darin, essenzielle Zusammenhänge zu unterschiedlichen Lebensthemen zu verstehen und verständlich zu vermitteln.

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